Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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ADOLF OBERLANDER, ENTEN. STUDIE

ADOLF OBERLÄNDERf

Mit Adolf Oberländer, der achtundsiebenzigjährig in
München gestorben ist, hat die neuere deutsche Kunst
einen ihrer besten Zeichner und einen vortrefflichen Maler
verloren. Einen Künstler, der noch aus der heroischen Zeit
stammte und dessen Lebenswerk in aller Anspruchslosigkeit
jenen Zug von Klassizität aufweist, der den Arbeiten eine
lange Dauer verbürgt. Um die Persönlichkeit und die Be-
gabung bei dieser Gelegenheit zu würdigen, können wir
nichts besseres tun, als einige Sätze aus einem Aufsatz wieder-
holen, den Carl Voll, der Vollblutmünchner, im Jahre 1913
für „Kunst und Künstler" geschrieben und worin er seiner
Liebe beredt Ausdruck gegeben hat.

„Oberländer stammt aus Regensburg .... er ist 1845
geboren. Im wesentlichen und nach seiner ganzen großen
Künstlernatur und menschlichen Kultur gehört er München
an. Dort hat er als junger Novize gelernt, und dort hat
er als reifer Mann die Fülle seiner Werke geschaffen. Er
wollte Maler werden und kam 1865 zu Piloty ins Atelier,
nachdem er vorher bei Professor Anschütz gewesen war. Er
hat sich aber schon frühzeitig mit den »Fliegenden Blättern«
in Verbindung gesetzt. (1863 machte er die ersten Zeich-
nungen für den bei Braun & Schneider erschienenen »Jugend-
freund«, und im selben Jahr begann er seine Tätigkeit

als Zeichner der »Fliegenden Blätter« in der Nummer 960.)
Die Malerei hat er freilich nicht ganz aufgegeben, er hat sich
ihr sogar in späteren Jahren wieder mit besonderer Freude
hingegeben; für seine Entwicklung entscheidend ist jedoch
die Tätigkeit für die »Fliegenden Blätter« geblieben . . ."

„Ganz lernt man Oberländer freilich erst kennen, wenn
man auch die Münchener Bilderbogen mit heranzieht. Er
hat seit 1869 deren dreiundvierzig gezeichnet, darunter die
letzte Nummer dieses für die Deutsche Graphik so wichtigen
Unternehmens . . . Diese Bilderbogen sind fast lauter Ori-
ginalwerke, die Oberländer eigens gezeichnet hat, während
die Bilderbogen von Wilhelm Busch vorher in den »Flie-
genden Blättern« erschienen waren. Das ist ein bemerkens-
werter Unterschied. Oberländer ist der Künstler der bedeu-
tenden Komposition und der weit ausgreifenden Bewegung.
Was er macht, ist alles in einer poetischen Übertreibung
der Wirklichkeit gegeben: deswegen kommt das große For-
mat der Bilderbogen seinem Stil mehr entgegen als das
kleinere der »Fliegenden Blätter«."

„Man kann hören und lesen, daß Oberländer in die für
große Kunst ungünstige Zeit der Biedermeierei gehöre, daß
das Wunderliche und Verschnörkelte eines altväterischen
Humors seinen Werken für uns viel von der Wirksamkeit

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