Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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BRESLAUER KUNSTLEBEN

VON

KARL SCHEFFLER

Bis vor kurzem noch war Breslau im deutschen
Kunstleben Provinz im schlechten Sinne. Die
Stadt, die, an der Pforte zum Osten und unter der
Herrschaft reicher Kaufleute, einst eine fast reichs-
freie Macht gehabt hat, aus deren alten Bauwerken
eine merkwürdige, sowohl von hanseatischer Gothik
wie von österreichischem Barock beeinflußte sinn-
liche Fülle spricht, und die sichtbar ein Vorort
der zwischen Prag und Nürnberg hin- und her-
wandelnden Kunst gewesen ist, wurde als preußi-
sche Provinzialhauptstadt physiognomielos und
künstlerisch unselbständig; nicht nur architekto-
nisch war Breslau im letzten Jahrhundert abhängig
von reichshauptstädtischer Gesinnung. Obwohl
Schlesien und im besonderen Breslau im neun-
zehnten Jahrhundert Berlin reichlich mit Be-
gabungen versorgte, hat die Stadt nach den Be-
freiungskriegen kaum jemals tiefer Teil genommen
an geistigen Vorgängen, die in Berlin und weiter
im Reich revolutionierend gewirkt haben. Breslau

ist dem offiziellen Berlin allzu gehorsam, es ist
allzu loyal gewesen; und dieses hat der Entfaltung
jenes Eigenwillens im Wege gestanden, den sich
andere Städte, vor allem im Südwesten, zu bewahren
gewußt haben. Die Kämpfe um die moderne
Kunst haben — trotz Richard Muther — in Breslau
wenig Echo gefunden. Es ist dort weder um
Leibi, Böcklin, Liebermann, noch um die franzö-
sische Malerei viel gestritten worden; und selbst
um den größten Sohn Breslaus, um Adolf Menzel,
hat man sich wenig gekümmert. Das Denkmal
dieser Gleichgültigkeit aber ist das Breslauer Kunst-
museum.

Im Jahre 1916 dachte man an eine Museums-
reform, nachdem ein kleiner Kreis von Kunst-
freunden, nachdem nicht zuletzt eine Zweigstelle
der Dresdener Kunsthandlung Arnold längere
Zeit schon dafür geworben hatte. Der Posten
des Museumsleiters wurde frei und es sollte nun
der rechte Mann gefunden werden. Damals lud

in
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