Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 21.1923

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KARL FR. SCHINKEL, SCHINKEL MIT SEINEM FREUND STEINMEYER. FEDERZEICHNUNG

AUSGESTELLT IN DER BERLINER AKADEMIE DER KÜNSTE

hafte, und die Fähigkeit, mit der Erscheinung im Kontakt
zu bleiben. Die Schwärzen seiner Malerei verschwinden, je
mehr man sich ihr hingibt, der zuerst etwas roh erscheinende
Vortrag veredelt sich bei näherer Bekanntschaft, und es wird
am Ende immer die lebendige Natur erkannt, gesehen durch
ein schwerblütiges, melancholisches einsam genießendes

Temperament. Alles in allem: wenn man die Generation
der Vierzigjährigen durchgeht, so gehört Degner zu denen,
die das Gesicht der deutschen Kunst bestimmen helfen. —
Einige Abbildungen nach den ausgestellten Arbeiten Degners
bringen wir im nächsten Heft.

K. Sch.

NEUE BÜCHER

Gesammelte Schriften von Max Liebermann.
Bei Bruno Cassirer 1922.

Nun haben wir in einem handlichen und schön gedruckten
Bande beieinander, was Liebermann dann und wann geschrie-
ben hat, zwischen 1889 und 1922, und hier und dort ver-
öffentlicht: Aufsätze, programmatische Erklärungen, Nachrufe,
Antworten auf Umfragen und ähnliches sonst. Die Texte im
Zusammenhange klären hauptsächlich über ihren Autor auf,
gleichviel wovon die Rede ist. Indem Liebermann von der
Kunst spricht, berichtet er aus der Erfahrung des Schaffens
von seiner Kunst, indem er über fremde Tätigkeit urteilt,
enthüllt er in Vorliebe und Abneigung die schöpferische
Individualität.

Der Vortrag ist im guten Sinne dilettantisch, das heißt
Gelegenheitsäußerung, belebt durch die Lust am Schreiben,
die dem Maler nicht vergeht, weil er selten, nicht anders
als aus starkem Anlaß und außerhalb der eigentlichen Ar-
beitsstunden schreibt. Aufgespeicherte Gedanken sprudeln,

manchmal sich überstürzend, wie aus engem Ausguß hervor.
Liebermann schreibt rednerisch, mit anschaulicher Bildlichkeit,
mit überraschenden Zitaten und paradoxer Pointierung. Aus
der Selbstsicherheit des reifen und erfolgreichen Meisters
ist die Betrachtung optimistisch gefärbt, das Urteil positiv-
anerkennend über Weggenossen, wie Israels, Leistikow, Griese-
bach, W. Rössler, August Gaul, über Vorgänger, wie Blechen,
Steffeck und Menzel und über die verehrten Franzosen, wie
Manet und Degas. Natürlich fallen Licht und Schatten bei
so persönlicher Betrachtung in starken Gegensätzen. Ich
glaube nicht, daß Liebermann die spezifisch deutsche Über-
schätzung der Museumsbeamten mitzumachen geneigt ist
(nur in Deutschland gibt es Museen, deren Bestände weniger
Beachtung finden als ihre Direktoren), aber Lichtwark und
v. Tschudi haben seine Kunst früh verstanden und sind da-
für eingetreten, und aus dankbarer und freundschaftlicher
Gesinnung heroisiert er einigermaßen diese tüchtigen, ver-
dienstvollen Männer.

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