Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 22.1911

Seite: 503
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Wettbewerbe — Ausgrabungen — Ausstellungen

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Das Denkmal Fritz Reuters, das in der Vaterstadt
des Dichters, Stavenhagen, seinen Platz erhält, ist auf-
gestellt worden. Der Schöpfer des Werkes, Professor
Wilhelm Wandschneider, hat die Aufstellung selbst ge-
leitet. Das große Denkmal hat vor dem Oeburtshause des
Bürgermeistersohnes, vor dem Rathause auf dem Markt
des kleinen Städtchens Platz erhalten.

Willibald Alexis hat ein Denkmal auf dem alten
Friedhof in Arnstadt i. Th. erhalten. Es besteht aus einem
Findling, den die Mark ihrem Dichter vom heimischen
Boden gesandt hatte; er trägt das von Paul Matzdorf-
Göthen geschaffene Reliefbildnis des Dichters.___

WETTBEWERBE

Im Wettbewerb um Entwürfe für ein Verkehrs-
museum in Nürnberg gingen 49 Arbeiten ein. Ein
erster Preis wurde nicht zuerkannt. Zwei zweite Preise
von je 5250 Mark fielen an Professor Hermann Selzer
und Eisenbahnassistent Hans Weiß in München, sowie an
Richard Senf in München. Den dritten Preis von 3000
Mark gewannen Hessemer und Schmidt in München.

Zur architektonischen Ausgestaltung des Neubaus
der alten Brücke in Frankfurt a. M. schreibt der
Magistrat unter den in Frankfurt ansässigen Künstlern
einen Wettbewerb bis zum 11. November aus mit Preisen
in Höhe von 4000, 3000, 2000 Mark; für ein bis zwei
weitere Ankäufe sind je 1000 Mark ausgesetzt. Zur Teil-
nahme an der Konkurrenz gegen besondere Vergütung sind
Qabriel von Seidl und Theodor Fischer in München sowie
Wilhelm Kreis in Düsseldorf eingeladen. Dem Preisgericht
gehören von Auswärtigen Karl Hofmann in Darmstadt,
Franz Schwechten in Berlin und Paul Wallot in Dresden an.

Erste Verleihung des Strauchpreises des Archi-
tektenvereins in Berlin. Dem ersten im vorigen Jahre
ausgeschriebenen Wettbewerb war als Aufgabe eine wissen-
schaftliche Behandlung der Entwicklung des Wohnungswesens
in Berlin und anderen städtebaulich bemerkenswerten be-
nachbarten Orten zugrunde gelegt. Drei Arbeiten gingen
ein. Dem Stadtbauinspektor Philipp Nitze in Wilmersdorf-
Berlin wurde der Preis in Höhe von 3000 Mark und dem
Regierungsbaumeister Albert Weiß in Charlottenburg ein
solcher von 1500 Mark zuerkannt.

Die Berliner Akademie der Künste hat in den
Wettbewerben um die Stipendien der Michael Beerschen
Stiftungen den Preis der ersten Stiftung dem Bildhauer
Schaja Hendelmann aus Odessa, zurzeit in Charlottenburg,
denjenigen der zweiten Stiftung dem Maler Otto Roloff aus
Lassan, jetzt in Friedenau, erteilt. Die Stipendien betragen
je 2250 Mark und sind zu einer einjährigen Studienreise
nach Italien bestimmt.

In Bayreuth soll ein Wittelsbacher Brunnen er-
richtet werden, die Anlage soll ihren Platz gegenüber dem
Opernhause erhalten. Die Gestalt soll frei dekorativ sein.
Für Entwürfe schreibt der Magistrat einen Wettbewerb
bis zum 29. September für in Bayern lebende Künstler
aus. Die Herstellungssumme beträgt 36000 Mark. Für
Preise stehen 4000 Mark zur Verfügung. Dem Preisgericht
gehört u. a. Adolf von Hildebrand an.

Für den Neubau des Geschäftsgebäudes der Münch-
ner Reichsversicherungs-Anstalt in München wird ein
Wettbewerb bis zum 15. August ausgeschrieben, für den
Preise von 10000, 6000 und 4000 Mark zur Verfügung
stehen. Auch können Entwürfe zu je 1000 Mark ange-
kauft werden. Dem Preisgericht gehören Reichsrat Wil-
helm von Fincke, Prof. Dr. German Bestelmeyer-Dresden,
sowie die Münchner Architekten Professor Dr. Theodor
Fischer und Stadtbaurat Hans Grässel an.

AUSGRABUNGEN

Neue Ausgrabungen auf Kreta. Wichtige Ausgra-
bungen konnte der Ephoros der Altertümer auf Kreta
J. Hatzidakis in der Nähe des Dorfes Tylisos, ungefähr
9 km westlich von Kandia und Knosos vornehmen (siehe
Kunstchronik Sp. 99 vom 25. Nov. 1910). Ein Palast mit
Nebenbauten aus der Periode der großen Paläste von
Knosos und Phaistos wurde aufgedeckt. Auch er war mit
Gewalt und durch Feuer zerstört und das Mobiliar scheint
zum größten Teile geraubt worden zu sein. Es bleibt aber
noch genug übrig, um den hohen Standpunkt der Zivilisa-
tion zu beweisen, den die ehemaligen Bewohner des Palastes
eingenommen hatten. Eine Area von 600 m Größe, unge-
fähr die Hälfte des Palastes, ist bis jetzt aufgedeckt. Un-
gefähr 6 Meter westlich von dem Hauptpalast entfernt, stieß
man auf ein 15X25 Meter großes Gebäude, das in 5 Ab-
teilungen geschieden war. Der Palast selbst muß zwei
oder sogar drei Stockwerke hoch gewesen sein, wie Trep-
penüberreste beweisen. Er gehört in die spätminoische
Zeit, aber in einem unteren Stratum haben sich auch Spuren
der mittelminoischen Zeit gefunden. Die Einzelfunde glei-
chen im Charakter den Funden von Knosos und Phaistos.
Die bemalten Vasen gehören der ersten und zweiten spät-
minoischen Periode an. Aus Stein bestehen ein paar große
Gebrauchsgefäße, ein riesiger Schwertknauf und ein eben-
falls ungewöhnlich großer schöner Keulenkopf. Über-
raschend mächtig sind auch die Bronzegefäße, drei große
und ein ganz kolossaler Kessel mit zwei aufrechten Henkeln
aus mehreren Platten und großen Nägeln zusammenge-
nietet. Ein »Talent« aus Bronze von der üblichen ge-
schweiften Form läßt auf Metallarbeit an Ort und Stelle
schließen. Von hervorragender Ausführung ist ferner die
an dieser Stelle (Sp. 99 der Kunstchronik) schon erwähnte
kleine Bronzestatuette eines stehenden Jünglings in der üb-
lichen Schurztracht, die Linke gesenkt, die Rechte mit dem
bekannten Gestus der Adoration vor die Stirne gelegt. G. Karo
nannte diese Bronze im »Archäologischen Anzeiger« als
durch Größe und Güte der Ausführung, Modellierung und
Lebendigkeit der Bewegung über allen erhaltenen mino-
ischen Bronzen stehend. Weitere Funde von Steatitvasen,
Lampenuntersätzen, eines Rhytons aus Obsidian, Tafeln
mit kretischer Schrift und Fragmenten von Wandgemälden
sind noch zu erwähnen. Vasenscherben aus der frühen
und mittelminoischen Periode, die in der Nähe gefunden
wurden, lassen hoffen, daß man auch noch andere Objekte
aus der frühen Zeit aus dem Boden hervorholen kann.
Nördlich von Tylisos bei dem Fluß Gazes wurde zuletzt
noch eine Begräbnisstätte aus der mittelminoischen Periode
und nahe am Ufer eine Niederlassung aus dieser Zeit
gesichtet, die später ausgegraben werden sollen. m.

AUSSTELLUNGEN

X Die »Juryfreie Kunstschau Berlin 1911« ist nun-
mehr gesichert. Die »Vereinigung bildender Künstler«,
welche die Organisation in die Hand genommen, wählte
in einer Generalversammlung den Maler Hermann Sand-
kuhl zum ersten, O. Wilh. Tappert von der Neuen Sezession
zum zweiten Vorsitzenden, zum Schriftführer M. v. Bülow,
zum Schatzmeister G. More. Dem Vorstand gehören ferner
an: Bildhauer Bergfeld, Käte Kollwitz, Martin Branden-
burg, dem Arbeitsausschuß Max Fabian, Prof. Schadow,
und der Graphiker Fritz Wolff.

Der Kunstverein in Frankfurt a. M. wird seine
diesjährige große Sommerausstellung, die von Mitte Juli
an geöffnet ist, dem Lebenswerk Ferdinand Hodlers
widmen.
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