Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 22.1911

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Ein wiederentdecktes Gemälde von Lukas Cranach d. A.

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dem haben der Societe nationale schon gleich bei
ihrer Gründung die beiden bedeutendsten französischen
Bildhauer unserer Zeit, Dalou und Rodin, angehört,
und auch Desbois und Bartholome zeigen hier ihre
Arbeiten, denen man als bekannte Größen noch Bour-
delle und Niderhausern-Rodo beifügen mag. In diesem
Jahre ist hier nichts Bedeutendes oder Neues zu sehen,
und Kauf- oder Diebesgelüste verspürt man eher bei
den Kunsthandwerkern, wo man sich zum Beispiel
die kleinen Holzstatuetten oder auch die große Stand-
uhr Carabins gern aneignen würde, oder bei den
Griffelkünstlern, wo die Holzschnitte des Schweizers
Schmied und die farbigen Radierungen des Pragers
Simon uns schon in Versuchung führen können.

Aber interessanter als die ausgestellten Kunstwerke
fand ich die Meinung der französischen Künstler über
die neuliche Kundgebung ihrer deutschen Kollegen
gegen den französischen Einfluß, und so benutzte ich
den Tag der Vernissage zu einer kleinen Umfrage.
Da die Pariser Blätter nur eine sehr unvollkommene
und entstellende Notiz gebracht hatten, fand ich die
Franzosen sehr voreingenommen gegen die Deutschen,
die nach dieser Notiz erklärt haben sollten, die fran-
zösische Kunst sei eitel Barbarei und Kitsch, also
daß man davor nicht genug warnen könne. Sobald
ich den Leuten ein wenig erklärt hatte, daß es sich
keineswegs um die französische Kunst schlechthin,
sondern um ihre hypermodernen Auswüchse, wie sie
sich im Gefolge des Dreigestirns Cezanne, Gauguin
und van Gogh offenbaren, handelt, heiterten sich die
Stirnen auf1).

Bei dieser Gelegenheit sei übrigens daran er-
innert, daß die wilden Männer der modernen Kunst,
obschon sie zumeist in Paris auftreten und von hier
aus Karriere machen, doch in Frankreich und bei
den französischen Sammlern und Museen stets weit
weniger Enthusiasmus und Gastfreundschaft gefunden
haben, als im Auslande und vor allem in Deutsch-
land. Wenige Jahre vor dem Tode Cezannes be-
suchte ein impressionistischer Maler und Kunstschrift-
steller den greisen Künstler in Aix, wo der alte
menschenscheue Maler sich sehr verdrießlich und
pessimistisch über die Welt und über die Kunst aus-
sprach und meinte, von allen Bildern, die er gemalt
habe, möchte er kaum sechs als seine Werke aner-
kennen. Etwas erstaunt meinte der Besucher, zu
solchem Pessimismus habe Cezanne doch keine Ur-
sache, sintemalen seine Werke jetzt sehr gesucht seien
und gut bezahlt würden, und besonders in Deutsch-
land keine öffentliche oder private Sammlung von
Ruf ohne ihren Cezanne sei. Der grämliche Alte
knurrte darauf: >Die Deutschen sind Barbaren! Wenn
sie sich auf Kunst verstünden, würden sie meine
Bilder nicht kaufen!«

KARL EUGEN SCHMIDT, PARIS.

i) Hier werden sich auch der Leser Stirnen aufheitern;
denn es ist sehr komisch, daß diese Herren sogleich ihre
Meinung änderten, als sie hörten, es handle sich nicht um
ihre eigene Malerei! Übrigens wollen wir auf die Broschüre
des Herrn Vinnen nächstens noch zu sprechen kommen.

Die Redaktion.

EIN WIEDERENTDECKTES GEMÄLDE
VON LUCAS CRANACH D. ÄLTEREN.
In Chr. Schuchardls Buch über »Lucas Cranach
des Älteren Leben und Werke«, Leipzig 1851, ist im
zweiten Teil S. 106 eine »Kreuztragung« in der Kirche
auf dem Sonnenstein bei Pirna erwähnt, »sehr voll-
endet in der Ausführung, besonders alle Köpfe«. Von
da ab ist nirgends mehr von diesem Bilde die Rede,
in der Kapelle einer Irrenanstalt untergebracht und so
gut wie unzugänglich, konnte es leicht in Vergessen-
heit geraten. Weder das Inventarisationswerk des
Königreichs Sachsen, die »beschreibende Darstellung
der älteren Bau- und Kunstdenkmäler«, bearbeitet von
R. Steche, Dresden 1882, noch auch der vollständigste
und zuverlässigste Katalog, in Ed. Flechsigs »Cranachstu-
dien« (Leipzig 1900), wissen etwas von diesem Altarbild,
ebenso mußte es dem Veranstalter derCranachausstellung
von 1899 entgehen. Erst vor kurzem stieß der An-
staltsdirektor des Sonnensteins auf der Suche nach
Urkunden über die ehemalige Feste auf eine flüchtige
Notiz in der »Beschreibung der Kgl. Sächs. Heil- und
Verpflegungsanstalt Sonnenstein« eines gewissen
G. Ä. E. Nostitz (Dresden 1829), die von einer »Kreu-
zigung« des älteren Cranach redet. Das 69:67 cm
grosse, aus Torgau stammende und vor wenigen Jahren
aus der inzwischen abgebrochenen in die neue An-
staltskapelle übertragene Gemälde konnte ohne Mühe
mit dem von Schuchardt und Nostitz erwähnten iden-
tifiziert werden. Die von Schuchardt angegebenen
Maße stimmen, ebenso seine Bemerkung, daß das
Bild »jedenfalls abgeschnitten sei, um es für den
Platz passend zu machen«, das sieht man an der
äußersten Figur rechts, aber noch besser am untern
Rande, wo eben noch ein Endchen von Fledermaus-
flügel sichtbar wird, der gewiß zu dem bekannten
Cranachschen Flügeldrachen gehört hat; insofern ist
Schuchardts Bemerkung »Ohne Zeichen« ungenau.
Der Zustand des Bildes scheint sich übrigens auch
gebessert zu haben, denn 1851 wird noch die
»Frische der Farbe« vermißt, »wobei freilich berück-
sichtigt werden muß, daß es sehr schmutzig und wohl
auch verwaschen ist«. Es ist anzunehmen, daß es
seither eine Reinigung erfahren hat, denn gerade die
Farben sind ungemein lebhaft und saftig, überhaupt
die Erhaltung gut, abgesehen von zwei Rissen in der
Holztafel und zwei oder drei Stellen, an denen der
Farbenauftrag abgesprungen ist: ein Stück Backe, eine
Hellebarde fehlen.

Der Meister hat zwei Vorgänge aus der Passion,
die beispielsweise Martin Schongauer jeden besonders
behandelt, in einen zusammengezogen: Christus fällt
unter dem Kreuze und gibt gleichzeitig der Veronika
das Schweißtuch mit dem Abdruck seines Antlitzes
zurück. Die Schilderung wird dem biederen Meister
von Wittenberg nicht gerade leicht; die dramatischen
Akzente der Hemmung und des Antriebs überzeugend
herauszuarbeiten, wie es Dürer und Grünewald, aber
auch schon Martin Schongauer getan haben, ist ihm
nicht gelungen. In der Mitte des Zuges, der sich
aus dem Stadttor von Jerusalem links nach dem Kal-
varienberg im Hintergrund rechts bewegt, fällt Christus
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