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Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 25.1914

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Schumann, Paul: Tagung für Denkmalpflege und Heimatschutz, [2]
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https://doi.org/10.11588/diglit.6191#0042

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KUNSTCHRONIK

Neue Folge. XXV. Jahrgang

1913/1914

Nr. 5. 24. Oktober 1913

Abonnenten der Zeitschrift für bildende Kunst erhalten Kunstchronik und Kunstmarkt kostentrei. g

TAGUNG FÜR DENKMALPFLEGE
UND HEIMATSCHUTZ

(Schluß aus Nr. 3)

Am zweiten Tage bildete den ersten Gegenstand
der Beratungen der Wasserbau in seinen Be-
ziehungen zur Denkmalpflege und zum Hei-
matschutz. Die beiden Berichterstatter Stadtbaurat
Schaumann (Frankfurt a. M.) und Oberregierungs-
rat Dr. Cassimir (München) vertraten in ihren
ausgezeichneten Referaten mit Entschiedenheit die
Standpunkte der Denkmalpflege und des Heimat-
schutzes und zeigten an wohlgewählten Beispielen,
daß es recht wohl möglich sei, ihre Forderungen zu
berücksichtigen, während die Wasserbauer bekanntlich
bisher fast ganz unerbittlich auf ihren Forderungen
(Durchflußbreiten und Durchflußhöhen, Pfeilerstellung,
Höhenlage der Fahrbahn usw.) verharrten mit dem
Hinweis, daß andere Möglichkeiten nicht vorlägen:
dabei gerät der Maßstab der Brücke oft in Widerspruch
mit dem Maßstab der Bauten an beiden Ufern. Noch
viel gefährlicher für Stadtbilder und einzelne Bauwerke
sind Veränderungen der Höhenlage des Wasserspiegels,
Flußkanalisierungen und Veränderungen der Ufer.
Bei einseitigem Vorgehen zerstören die Wasserbau-
techniker oft die Wechselwirkung zwischen Stadt und
Fluß, die, ursprünglich auf wirtschaftlicher oder ver-
kehrstechnischer Grundlage ruhend, in unserer Em-
pfindung zu einem einheitlichen Kunstwerk zusammen-
gewachsen ist. Der Wasserbautechniker beruft sich
auf die Forderungen bei höchstem Hochwasser, aber
eine andere Frage ist es, ob man dem Fluß wegen
der Erhaltung eines Baudenkmals nicht ab und zu
etwas vorschriftswidriges Verhalten gestatten kann.
Darf nicht die Flutrinne hier und da eine Ausbauchung
erhalten, muß die »hochwasserfreie« Höhe der Straßen
nicht auch einmal zugunsten eines Baudenkmals ge-
senkt werden, selbst auf die Gefahr hin, daß hier alle
zehn Jahre eine Überflutung von wenigen Stunden
eintritt? Den Technikern gegenüber betonte Schau-
mann, daß die Hochbauten unbedingt dem Architekten
anvertraut werden müßten, und daß die alten schönen
Stadtbilder erhalten werden können, wenn nicht der
Techniker mit seinen Errungenschaften, sondern der
Künstler das erste Wort hat. Es kann schlechterdings
nicht zugegeben werden, daß Maßnahmen, die geeignet
sind, Baudenkmäler auf das schwerste zu schädigen,
ganz einseitig vom Standpunkt der Technik ohne Be-
rücksichtigung der Interessen der Denkmalpflege fest
gelegt werden rN-°

mit

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Daß mit gesundem Menschenverstand,
natürlichem Gefühl und vor allem mit einem
warmen Herzen für unsere Denkmäler da schon viel
erreicht werden kann, erläuterte der Vortragende weiter-
mn ausführlich an dem Beispiel von Frankfurt a. M.,

wo es gelungen ist, für den Ersatzbau der alten Main-
brücke eine steinerne Brücke durchzusetzen und dem
Entwurf eine Gestalt zu geben, die mit der Umgebung
in künstlerischem Einklang steht. (Allerdings betonte
Herr Linnemann aus Frankfurt, die Interessen des
Heimatschutzes seien noch nicht genügend berück-
sichtigt, indem der Baumbestand der Maininsel zum
Teil bedroht sei. Dem stimmte der Vorsitzende Rehorst
bei.) Schaumann forderte geradezu, es müßte durch
Verordnungen festgelegt werden, daß die entscheiden-
den Stellen alle Entwürfe zu Wasser- und Brücken-
bauten den zuständigen Organen der Denkmalpflege
ohne weiteres zur Begutachtung vorzulegen haben,
und daß die Denkmalpfleger auch bei der Aus-
führung größerer Wasserbauten dauernd gehört werden
müßten, weil hier oft ganz unvorgesehene Dinge
entschieden werden müssen. Der Redner schloß mit
dem Hinweis auf die einseitige Ausbildung unserer
Techniker auf den Hochschulen und befürwortete
auch ihre allgemeine Durchbildung; sie werde sie zu
Bundesgenossen der Denkmalpflege und des Heimat-
schutzes machen.

Oberregierungsrat Dr. Cassimir-München schloß
sich in den wesentlichen und grundlegenden Gesichts-
punkten den Ausführungen des Referenten Stadtbaurats
Schaumann an. Er ergänzt dessen Darlegungen noch
durch Ausführungen über Flußkorrektionen und die
Ausnutzung der Wasserkräfte. Er legte ausführlich
dar, daß das System der Begradigungen und der
Normallinien bei Flußkorrektionen nicht nur die Schön-
heit der Flußläufe zerstört, sondern sich auch wirt-
schaftlich als ungünstig erwiesen habe. Heute hat in
Bayern durch staatliche Verordnung die schablonen-
mäßige Geradleitung der Flußläufe aufgehört, mit der
unnötigen Umgestaltung der Flüsse in »Gebilde des
Zirkels und Lineals« hat es ein Ende. Als Haupt-
grundsatz gilt heute, daß alle Bauten möglichst der
bestehenden Flußlage anzupassen sind, die früher so
beliebten Durchstiche sind auf das unvermeidliche
Maß zu beschränken. Auch bei der Ausnutzung der
Wasserkräfte lassen sich, wie der Redner an dem Bei-
spiele des Walchensee-Projektes darlegte, recht wohl
Radikalkuren vermeiden und die ästhetischen Forde-
rungen neben den finanztechnischen berücksichtigen.

Zum Schluß hob er hervor, daß gerade der
schaffende Ingenieur von allem Anfang an bei der
Bearbeitung seiner Projekte auch die ästhetischen Ge-
sichtspunkte würdigen und von selbst rechtzeitig die
maßgebenden Ratgeber beiziehen, sie nicht aber als
lästige Störenfriede betrachten solle. In dieser Be-
ziehung läßt die Ausbildung der Ingenieure viel zu
wünschen übrig. Zum mindesten dürfte der in der
öffentlichen Verwaltung tätige Ingenieur sich nicht
 
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