Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 25.1914

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Nekrologe — Personalien — Ausstellungen

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und Studiensammlung erwogen. Bei der Neuordnung
1912 wurden die ersten Anfänge dazu gemacht, wo
rund 300 Bilder zumeist niederländischer, aber auch
italienischer und französischer Herkunft zeitweilig ins
Depot wanderten, wo sie der oft, aber bisher ver-
geblich geforderten Erweiterung der Galerieräume
harren sollten. Mit dem Eintritt der Sammlung
Semenow-Tianschanski wurde die Raumnot in hand-
greiflichster Weise aktuell. Für die Gemäldegalerie sind
nun folgende Pläne vorhanden: die Prunkgemächer
der sog. »Alten Ermitage« können den Franzosen des
18. und zum Teil des 17. Jahrhunderts eingeräumt werden,
die sich in dem vorhandenen reichen Milieu werden
behaupten können. Tatsächlich haben sie sich zum
größten Teil dort bereits bis 1894 befunden und sollen
nach kompetentem Urteil sich dort prachtvoll ausge-
nommen haben. Die bisherigen Franzosensäle werden
nun der Entfaltung der niederländischen Schausamm-
lung zugute kommen, während die Studiensammlung
in einem Aufbau über einem Teile der heutigen
Galerie ihr Heim finden soll. Beim Aufbauen soll
als besondere und strenge Bedingung die absolute
Schonung der Außenfassaden des Klenzeschen Baues
eingehalten werden, weshalb der beabsichtigte Neubau
eines dritten Geschosses nur um den großen Hof
des Ermitagegebäudes in Form von Oberlichtgalerien
geführt werden soll. Der Bestand der künftigen
Studiensammlung wird im niederländischen Teile aus
drei Quellen zu gewinnen sein. Erstens kommen
die 1912 zeitweilig aus der Ermitage ausgeschiedenen
Bilder in Betracht, sodann eine ganze Reihe von Ge-
mälden, die damals in der Galerie verblieben, trotz-
dem sie nur Studienwert besitzen, endlich das Gros
der Sammlung Semenow-Tianschanski, deren Elite
natürlich der Schausammlung einverleibt werden wird.
Wird nun das Scheidungsprinzip für die Niederländer
durchgeführt, so wird es auch auf die übrigen Schulen
angewandt werden, deren Studienabteilungen natür-
lich wesentlich kleiner als die niederländische sein
werden, doch haben sich auch für sie bei der Neu-
ordnung von 1912 genügende Reserven bilden lassen,
die durch weitere Entlastung der heutigen Galerie-
bestände noch wachsen können.

Die Entlastung der Galerie sollte aber nicht nur
ihr selbst zugute kommen. Wird für die Ermitage
überhaupt Raum geschafft, so dürften die übrigen
Abteilungen nicht vergessen werden. Besonders die
Antikensammlung und die Abteilung für Mittelalter
und Renaissance, denen alljährlich aus den Funden
der Kaiserlichen Archäologischen Kommission eine
reiche Flut neuen Materials zuströmt, das magaziniert
bleiben muß, bedürfen neuer Räume. Auch das
Kupferstichkabinett muß Spielraum gewinnen, wenn
anders es aus seiner Lethargie erwachen soll. Das
Münzkabinett endlich verlangt nach rationeller, weniger
nach räumlich expansiver Einrichtung. Man darf hoffen,
auch diese Dinge aus dem Stande der pia desideria
aufrücken zu sehen, wenn nur beim Bau der neuen
Räumlichkeiten für die Gemäldegalerie alle diese Not-
wendigkeiten von vornherein in Betracht gezogen
werden JAMES v. SCHMIDT.

NEKROLOGE
Der Dresdner Architekt William Lossow ist in

der Czernyschen Klinik in Heidelberg am 24. Mai nach
langem schweren Nierenleiden gestorben. Er war am
21. Juli 1852 in Glauchau geboren und erhielt seine Aus-
bildung als Architekt an der Technischen Hochschule zu
Dresden besonders durch Karl Weisbach, durch den er in
die damals noch herrschende historische Richtung gelenkt
wurde. Von 1880—1906 mit Hermann Vieweger zu der
Firma Lossow & Vieweger verbunden, errichtete er eine
Reihe größerer Bauwerke in Dresden, darunter das Viktoria-
haus, für das der Bauherr das Braunschweiger Gewand-
haus als Vorbild bestimmte. Es steht stattlich an hervor-
ragender Stelle der Stadt und wurde vorbildlich durch die
Verwendung nur gediegener Baustoffe. Weiter bauten
Lossow und Vieweger die Garnisonkirche in Dresden (ein
evangelisches und ein katholisches Gotteshaus mit einem
gemeinsamen Turm), das im Äußeren mit Rokoko-Orna-
mentik sehr überladene Zentraltheater, das aber im Innern
schön und zweckmäßig ist, das recht unerfreuliche Herz-
feldsche Warenhaus am Altmarkt, die umfänglichen Bau-
lichkeiten der Kunstgewerbeschule und des Kunstgewerbe-
museums, in welche die Reste des früheren Brühischen
Palais', vor allem der prachtvolle Rokokosaal, einge-
baut sind. Seit 1906 verband sich Lossow mit seinem
Schwiegersohn Max Hans Kühne zu der Firma Lossow
& Kühne. Er verließ unter Kühnes Einfluß die historische
Richtung und wandte sich dem modernen Stil zu. Das
Hauptwerk der beiden Künstler ist der großartige Leipziger
Hauptbahnhof, der ihnen mit Recht viel Ruhm eingebracht
hat. Auch das Ständehaus und die Landständische Bank
in Bautzen, die Synagoge in Görlitz und das Haus der
Dresdner Handelskammer verdienen volle Anerkennung.
Weniger ist das mit dem neuen königl. Schauspielhaus in
Dresden der Fall. Lossow hat sich auch auf dem Gebiete
des Kunstgewerbes einen Namen gemacht. Er war Vor-
sitzender des vorbereitenden Ausschusses für die epoche-
machende dritte deutsche Kunstgewerbeausstellung Dresden
1906, übernahm im gleichen Jahre die Leitung der Dresdner
Kunstgewerbeschule, den Vorsitz des Dresdner Kunst-
gewerbevereins und der Landesstelle für Kunstgewerbe in
Sachsen, die im Anschluß an die genannte Ausstellung
gegründet wurde. So war William Lossow vielseitig tätig;
Glück und Erfolg sind seinem arbeitsreichen Schaffen zu-
teil geworden. ^

PERSONALIEN
Dem Bibliothekar am Schlesischen Museum für Kunst-
gewerbe und Altertümer in Breslau, Dr. Conrad Buch-
wald, ist der Professortitel verliehen worden.

Von der Dresdner Kunstakademie. Der Akademische
Rat hat beschlossen, vorläufig noch keinen Nachfolger für
Hermann Prell vorzuschlagen, sondern erst im Oktober
dieses Jahres an die Besetzung des freigewordenen Lehr-
stuhls für Historienmalerei heranzutreten. Auch die sonstigen
Organisationsfragen, die durch die Eingabe derakademischen
Lehrer angeregt sind, sollen erst im Herbst dieses Jahres
beraten werden.

AUSSTELLUNGEN
Heidelberg. K. Lohmeyer hat in den Räumen der
städtischen Sammlungen eine Ausstellung von Meister-
porträts aus Heidelberger Besitz veranstaltet. Eine
Hauptgruppe bilden die für die Pfalz und ihre Fürstenhäuser
tätig gewesenen Porträtmaler der Barockzeit. Lohmeyer,
durch seine Forschungen über die Barockarchitekten rühm-
lichst bekannt, ist es gelungen, bei einer Reihe von Werken
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