Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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KUNSTGEWERBESCHULE KIEL: SCHLAFZIMMER AUS DER AUSSTELLUNO: »GESCHMACK IM ALLTAG«

DER EINFACHE HAUSRAT

Wie im Vorjahre stellte, diesmal in einer Schau:
»Geschmack im Alltag« im Schöneberger Rathaus
die gemeinnützige »Hausrat« G.m.b.H.—Berlin ein-
fache Wohnräume mit einfachen Zutaten zur öffent-
lichen Diskussion. Es ist anzuerkennen, daß hier mit
Eifer an der Popularisierung des einfachen Hausrats ge-
arbeitet wird. Anregungen werden aufgenommen, ver-
arbeitet, immer bessere Lösungen werden gesucht... Das
Neue war diesmal die Farbe; das Streben, mit stärkeren
Farben die einfachen Räume ansprechend, wohnlich zu
machen. Da waren zu sehen: eine Wohnküche mit
starkroten Möbeln, ein Schlafzimmer mit veilchenblau
gestrichenem Mobiliar, vor einer Wand in gebrochenem
Weiß mit blauen Linien; Hölzer: grau, grün, blau,
schwarz gestrichen und gebeizt. In einer neuen Aus-
stellung im Lindenhof wurde sogar in einer Dreizimmer-
wohnung ein Eßzimmer gewagt, mit Möbeln: leuchtend
gelb gestrichen, dazu rote Füße und Perlleisten ... Und
das Ergebnis? Während das Publikum zunächst sehr
verschiedenartig urteilte und im allgemeinen bisher ge-
beizte Möbel vorzog, fand das gelbe Zimmer überraschen-
derweise bei dem Arbeiter-Publikum, das vordem eine
Abneigung gegen starke Farben zeigte, außerordentlichen
Beifall. Man sieht auch hier: es kommt immer auf den
Versuch und auf das »Wie« an... Die Nachfrage nach
dem einfachen Hausrat übersteigt, wie mitgeteilt wird,
bei weitem die Lieferungsmöglichkeit.

Was die Farbe betrifft, sei nochmals mit Nachdruck
darauf hingewiesen, daß dieses Mittel in erster Linie
dazu dienen kann, die Wirkung eines wohlproportionierten
einfachen Hausrats so zu steigern, daß er den Charakter
des Ärmlichen, Bescheidenen völlig verliert. Die Wohn-
und Schlafzimmer-Möbel von Tessenow z. B., dunkel
lasiert vor eine weiße Wand oder vor eine frische, neu-
zeitliche Tapete gestellt, werden durchaus vornehm
wirken. (Man verwende aber keine starkdekorativen,

in kleinen Räumen immer lastend wirkenden Friese: Fries
und Decke hier immer in reinem Weiß!) Die starken
Farben in der Kleinwohnung werden erfrischend, an-
reizend wirken, anregen: aktiv zu werden, persönliche
Entscheidungen zu treffen in der Farben wähl, selbst
Hand anzulegen, selbst zu streichen, zu ergänzen,
Harmonien im belebten, beseelten Heim zu schaffen.

Was das Formale anbetrifft, so möge als Stichwort
gelten: Los von allem Unbeholfenen, Allzu-Ärmlichen,
Derben; Streben nach Verfeinerung, Haltung! Nur
hierin liegt die Werbekraft des einfachen Hausrats.
Beileibe keine Talmi-Eleganz. Aber Möbel von gesundem
Körperbau, fein proportioniert, griffig, gebrauchstüchtig,
bequem; angenehm und erfrischend in der Materialwir-
kung, voll Spannung und Haltung wie ein Rasse-Pferd.
Bequeme Lehnsessel, für die in Berlin viel Käufer vor-
handen sind, werden nun geboten. Einfachere Lehn-
sessel mit Binsensitz sollen demnächst noch hergestellt
werden. In den Proportionen der Möbel zu Wand und
Fenster, in der Aufhängung der Bilder zeigt sich immer
deutlicher das Streben nach harmonischem Rhythmus.
Die Fenster dürften um zwei Scheiben verbreitert
werden. Am Fenster, diesem ungemein wichtigen Bestand-
teil des Raumes, zu sparen, ist durchaus unzweckmäßig.

*

Noch eine Frage: Was haben die Frauen, die
Hausfrauen beizutragen zum Thema des einfachen
Hausrats? . . . Wir richten an unsere Leserinnen die
Bitte um kurze Äußerungen, etwa auf die Frage: Wenn
Sie eine kleine Dreizimmerwohnung mit beschränkten
Mitteln einrichten sollen, an welchen Formen der Möbel,
welchen Farben, an welcher Anordnung ist Ihnen am
meisten gelegen, um die Räume möglichst gemütlich zu
gestalten? Sicherlich könnten aus solchen persönlichen
Äußerungen manche wertvolle Anregungen erwachsen.
Mitzuarbeiten ist hier für alle Pflicht!. . schriftleitung
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