Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INNEN-DEKORATION

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bei mir heut abend zu speisen.« In Deutsch-
land führten maßvolle, feine Geselligkeit
im Sinne des Horaz die Klassiker ein. Ich
besitze ein zierlich geschriebenes Koch-
buch von Schillers Schwiegermutter, die
fleißig ihrer Tochter erprobte Rezepte wei-
tergibt, um jene anspruchslosen, aber durch-
aus nicht lieblos spartanischen Tischfreuden
zu bereichern. Diese Freuden sollen nur
nicht das ein und alles der Geselligkeit
sein, sondern die gedämpfte Begleitung
einer Melodie, die je nach Stimmung und
Anlaß getragen oder heiter bis zum perlen-
den Scherz in der Kunst des Gespräches
besteht, der Kunst des Z uhörens u. Erzählens,
die unzertrennlich zueinander gehören . . .

Man muß dahin kommen, über einem
guten Wort einen guten Braten zu ver-
gessen . . Wer keine unterhaltsame Ge-
schichte zu erzählen weiß, wird über keinen
fehlenden Braten liebenswürdig hinweg-
täuschen können. . a. v. gleichen-russwurm.

»gesellschafts - kunst«. august kuhn, vhp lag — berlin.)

NACHDENKLICHES. Ein Muselmann
gräbt zu seinem Seelenheil einen Brun-
nen. Es wäre hübsch, wenn jeder von uns
eine Schule, einen Brunnen oder etwas ähn-
liches hinterließe, sodaß das Leben nicht
in die Ewigkeit hinüberginge, ohne eine Spur
zu hinterlassen. - Es heißt: »Letzten Endes
muß die Wahrheit siegen«; — aber es ist
nicht wahr . . anton Tschechow («tagebuch«).

architekt ludwig kozma. spiegel. ausf: budapester werkstätte

BESCHEIDENE GASTFREUNDSCHAFT.

Naiv und herzlich genossen, ist Freude an Gastfreundschaft
eines der schönsten Angebinde des Menschen. Sie ist edel,
sobald der Gastgeber den Gast möglichst zu ehren gedenkt, sie
wird verdorben, sobald er ihn mit dem Gebotenen erdrücken oder
verblüffen will, um sich selber die Ehre zu geben. Der Hang zur
Völlerei war schlechte Gewohnheit, der Hang zum Protzen mit dem,
was gegessen und getrunken wird, ist teilweise auch schlechte Ge-
wohnheit, teilweise aber noch schlimmer, ein wahres Laster, die
Verdorbenheit der einst edel empfundenen Gastfreundschaft. . . .



Im frühesten Mittelalter lud der Herr aus »Milde« den Armen
an seine Tafel, aber auch als Mahnung gegen Ubermut und Unmaß.
Als im späten Mittelalter Völlerei und Protzerei wieder Platz griffen,
ertönt Rabelais' mächtige Satire ... Die Renaissance-Tafeln, deren
Schmuck oft die größten Künstler entwarfen, waren ein vollendeter
Ausdruck schöner Geselligkeit, solange ihre Üppigkeit vornehm blieb.

*

Zu allen Zeiten sehen wir, sobald die Gastfreundschaft entartet,
üppig und dumm wird, daß bessere Elemente, die durchaus nicht
weltfremd noch -feind sind, sondern Liebhaber freundlicher
Geselligkeit, sich abseits halten mit ihren Freunden und sich
einladen nach Art des Horaz: »Willst du, mein Freund, ein be-
scheidenes Mahl nicht verschmähen, Und ein bescheidenes Lager
am Tisch, der kunstlos gefügt ist, Lad' ich von Herzen dich ein, l. kozma. stuhl, budapester werkstatte

itai. x. 4.
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