Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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XXXll. JAHRGANG.

DARMSTADT.

OKTOBER 1921.

KÜNSTLER - KUNSTWERK - KUNSTFREUND.

das wirken der gestaltenden kräfte.

Trotz aller Achtung, die man dem Künstler und
seinem Werk entgegenbringt, ist der Laie oft
weit davon entfernt, über das Handwerkliche hin-
aus sich in die Seele des Künstlers einzufühlen.
Dem echten Künstler ist sein Schaffen heilig.
In seinem Werk sieht er meist nur den unvoll-
kommenen Niederschlag seines Strebens. Das
Ringen nach Vollkommenheit, das ihn über die
Materie oder durch sie hindurch zur Fleisch-
werdung des Geistes führen soll. Darum ist das
künstlerische Schaffen ein ewiger Kampf mit der
Materie, sie den geistigen Forderungen dienstbar
zu machen. Sein gesteigertes Empfindungsleben
wurzelt im Geistigen, sein tastendes Gefühl ordnet
die Gesetze der Erscheinungen, ohne sich der
Wage einer verstandesmäßigen Kritik zu bedienen.
Nicht der Verstand, der künstlerische Impuls
schleudert das Wesen der Dinge an die Ober-
fläche, mit dem Streben, ihre ursprüngliche Ge-
setzmäßigkeit rein zu erhalten. Das ist der Augen-
blick, der über die Vollkommenheit des Kunst-
werks entscheidet. . Sein Schaffen ist dem echten
Künstler: Mission, sein Vollbringen: ein Werk im
Dienste des Geistes. Darum ist es ihm heilig.
Dem wahrhaften Künstler ist stets das Kunstwerk

ein Neuschaffen in einem schöpferischen Prozeß,
unter dem Zwang treibender Kräfte, die er nur
zum Teil beherrscht und auf deren Entfesselung
er keinen Einfluß hat. Diesen Kräften steht der
Laie oft mit einem naiven Unverständnis gegen-
über. .. Ihre Intensität ist das Wertmaß der künst-
lerischen Persönlichkeit. Niemals die Sympathie
der Menge im allgemeinen. Sie wird meist am
Kunstwerk als dem dargestellten Objekt oder an
einer bemerkenswerten Technik kleben bleiben,
sie wird es beschauen, sie nimmt im Grunde aber
nichts davon mit nach Hause . . Wer die gestal-
tenden Kräfte nicht fühlt und erlebt, wird unbe-
reichert seinen Weg gehen, das Kunstwerk hat
alsdann seine künstlerische und kulturelle Auf-
gabe verfehlt. Wie die im Gestalten treibenden
Kräfte den Künstler mit sich fortreißen und ihn
im Werk über sich selbst hinaustragen, so erlöst
das vollendete Werk auch den, auf das künst-
lerische Erleben eingestellten, Genießenden aus
seiner Enge und reicht ihm einen neuen Stein
zum eigenen Aufbau. Fehlt ihm aber die Fähig-
keit oder die notwendige Muße des Einfühlens,
so wird er sich vor einem Kunstwerk nur seiner
eigenen Schranken erinnern. . . dr.waltergeorgi,

1921. x. 1.
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