Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INNEN-DEKORATION

KUNSTGEWERBE ATELIER DR. SZENKOVITS-W1EN KISSEN UND DECKEN. BROKAT UND STICKEREI

»DAS BÜRGERLICHE HEIM«.

EIN ANTWORT-BRIEF.

Sie wundern sich, verehrte Freundin, in dem letzten angewendet, würde ja den Wahnwitz bedeuten, das
Ihrer Briefe, die schneidenden Spott mit Anmut der »bürgerliche Heim« sei so nett und schal und muffig ge-
Form so liebenswert verbinden, wieder einmal, — und blieben, wie es war, weil wir selbst im Grunde noch immer
wenn Sie etwas »seltsam« finden, so heißt das soviel die gleichen »Spießbürger« sind. Der geistig-radikale,
wie »empörend« in der Ausdrucks weise gewöhnlicher der innerlich erneuerte Mensch könnte sich unmöglich
Menschen. Aber ich lasse mich dieses Mal nicht ver- miteinerUmgebungvertragen,dieaufdensatten,stumpfen,

führen, und werde nicht nach Befehl verdammen, was Sie durch und durch hohlen Bürger abgestimmt war......

mir in so aufmerksamer Weise vors Messer liefern. . . . Aber, ich bitte, was soll denn der neue Mensch tun?

Es ist unbestreitbar richtig und eine scharfsinnige, Soll er die alten Möbel, Vorhänge, Bilder in Klumpen
wenn auch nicht sehr fernliegende Beobachtung: Wer schlagen? Dann muß er höchstens in kahlen Räumen
die letzten Jahre viel gelesen und gesehen und die Vor- hausen, aber die Gesellschafts-Ordnung wird damit auch
gänge in Politik und Geistesleben intensiv miterlebt hat, nicht umgestürzt. . . Zieht da ein junger Mann, der sich
wer also innerlich angefüllt ist von Zusammenbruch und Dichter nennt, in ein möbliertes Zimmer. Das erste ist,
Umsturz und kühnstem Schöpfungsdrang, der mag sich daß er alles Entbehrliche, Ruhebett, Spiegel, Vorhänge,
wundern, wie wenig davon in unserer äußeren Lebens- der Wirtin vor die Tür stellt. Ein Dichter brauche nicht
Aufmachung zu spüren ist... Ganz abgesehen von Ge- mehr als ein Feldbett und einen Stuhl! Schön, der Mann
werbe und Handel: Die Art, wie wir wohnen und uns mag Charakter haben. Aber glauben Sie, daß durch diese
kleiden, unser gesamtes Gesellschaftsleben, ist doch im heroische Tatseine Gedichte bessergeworden? Wird nach
Grunde dasselbe geblieben. Birgt die gleiche Schale seinem ersten Erfolg (bestände er auch nur in einer Ver-
andern Kern? Sie bezweifeln das stark. In der Tat lobung) der Herr Dichter nicht schleunigst ausziehen? . .
haben wir eine Mode, die genau ebenso vor dem Krieg *

hätte gelten können. Es ist auch nicht das geringste Wann werden wir endlich lernen, die lächerliche
Anzeichen dafür vorhanden, daß heute doch ein wesent- Konsequenz uns abzugewöhnen! Alles Leid der Mensch-
lich »vertiefteres« Wesen, das allerhand Erschütterndes heit rührt von der krankhaften Sucht her, konsequent
miterlebt hat, zu kleiden ist. Sie meinen in bitterer sein zu wollen: Als Christen, als Volksbeglücker, Ide-
Ungerechtigkeit, die unheilbare Oberflächlichkeit der alisten, Nationalisten. Die Konsequenz ist die Eigen-
Frau sei damit — wieder einmal — bewiesen. Die schaft des Mannest Allerdings, aber die Frau hat ihn
Richtigkeit der Beobachtung sei nicht angezweifelt —aber immer nur mit der gleichen Waffe besiegen wollen. Im
haben wir nicht in diesen Jahren gelernt, sehr nachsichtig »Bürger« sind gerade alle gefährlichen Charaktereigen-
zu sein? Auch im ausgeschnittensten Kleid und im kür- schatten zum Ausgleich gelangt. Er bedroht niemand
zesten Rock kann die Frau empfinden und weinen... Ihre mehr, er will nicht bessern, nicht einreißen, nicht die
Schlußfolgerung, auf unsere häusliche Umgebung Welt erneuern. Er ist weder reine, äußerste Güte, noch
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