Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INNENDEKORATION

architekt hugo gorge in wien wohnzimmer. ausf: r. lorenz-wien

I

MÖBEL UND EMPFINDUNGS-LEBEN

ch habe einen kleinen schwarzen Aschenbecher in Lack- fängt. Er muß die Gabe haben, seine Gemüts-Erlebnisse
arbeit und einen Briefbeschwerer, eine kleine bronzene an den toten Dingen fest anzuhängen, er muß so geartet
Natter auf einer Elfenbeinplatte. Es sind Gegenstände sein, daß er sie mit Seelischem laden kann — eine Eigen-
ohne Wert, behaftet mit Brandspuren, Tintenflecken, schaft, die ja der Deutsche in ganz besonderem Grade
Scharten. Und doch haben sie mir in meinem Leben besitzt, weil er auch in besonderem Grade empfänglich ist
schon wertvollere Dienste getan als manchem anderen für die seelischen Wohltaten, von denen hier die Rede ist.
ein kostbares Einrichtungsstück: Sie sind Symbole meines Es ist meine Uberzeugung, daß die Vorliebe für Möbel
»Zuhause-Seins«; wo sie sind, bin ich daheim. Irgend- in historischen Formen zumeist nur auf dem Bedürfnis
wie, irgendwann wußten sie sich in mein Empfindungs- ruht, seelische Wärme aus dem Hausrat zu ziehen,
leben zu schmuggeln. Der Aschenbecher vielleicht, weil Alte Möbel bieten diese Wärme gleichsam in deutlichster,
die Reste meiner ersten Zigarette in ihm verkohlten; sichtbarster und klar ausgemünzter Gestalt. . . Man darf
die kleine Bronze-Natter, weil sie mir vom besten Jugend- aber nicht vergessen, daß jedes Stück Hausrat, auch ein
freund geschenkt ward. Unmerklich wuchsen sie in funkelnagelneues, fähig ist, Liebe, Wärme, seelische
meine Gefühle und begannen nun, wie Akkumulatoren, Historie aufzunehmen und dann wieder langsam aus-
die Gemüts-Energien, die in sie eingegangen waren, zustrahlen. Ein Klubsessel kann Freund werden, ein
zurückzustrahlen. Sie gingen mit mir in die Fremde, wo Schreibtisch Helfer und Berater, ein Sorgenstuhl nimmt
sie irgend auf einem kahlen, fremden Tisch standen und Sorgen auf und gibt sie wieder her als Erinnerungs-
lagen, vertrieben sie schon die erste Eiskälte der Heim- freude. Denn alles Erinnern ist von Freude umtönt...
losigkeit. Ungezählte nüchterne Räume haben sie mir Wo Erinnern um ein Ding aus Holz und Stoff schwärmt,
seelisch angewärmt ; das Heim, die Vergangenheit, das ist schon keine Kälte mehr, sondern Bestärkung, Bestä-
freundlich Gleichbleibende und mir Zugehörige blühte aus tigung und Ermutigung zur Gegenwart. Heinrich ritter.
ihnen wie Blumen aus einer Vase. Verbraucht und *

wertlos, wie sie waren, wurden sie doch Helfer gegen ~\7~ UNST UND GEMÜT. Die Kunst ist etwas anderes
winzige Verzweiflungen, wie sie so oft in den Winkeln als die Wissenschaft. Solange wir nicht alle mit
der Seele herumgeistern; gütige Helfer gegen Fremd- photographischen Linsen und Trockenplatten herum-
weh, gegen Verluste und also Mehrer meines Lebens, gehen, anstatt mit Augen, werden wir, wie ich fürchte,
Freilich leisten tote Dinge diese Dienste nicht ohne uns dafür interessieren, was Künstler uns von der Natur
eine gewisse Bereitschaft auf Seiten dessen, der sie emp- und ihrem eigenen Gemüt zu erzählen haben... w.crane.
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