Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INNEN-DEKORATION

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burg tarasp im engadin. »der bündner-gang«

gefühlsseliger Geschäftssinn fängt an sich überall zu
betätigen; das Leben der Ritter und selbst der geist-
lichen Herren nimmt Formen an, die den kräftigsten
Willen zum irdischen Dasein verraten.

An dem Punkt, wo beide Richtungen sich kreuzen,
erhebt sich — wenn das Bild erlaubt ist — die gotische
Kathedrale. Sie ist sinnlich und übersinnlich zugleich,
ganz Logik und ganz Mystik. Sie vereinigt die
anscheinend heterogensten Elemente. In der Synthese

beider liegt ihr Geheimnis eingeschlossen.......

*

Wer fühlte sich beim Betreten dieser hohen Hallen,
deren Statik dem naiven Auge verborgen ist und blei-
ben soll, nicht vom Schwindel ergriffen? Denn was
sehen wir? In unwahrscheinlicher Höhe ruhende Ge-
wölbe, in bunte Glaswände aufgelöste Mauern und
ein System stützender Pfeiler, deren Standfestigkeit
im Verhältnis zu ihrer Schlankheit höchst fragwürdig
erscheint; rein optisch betrachtet keinesfalls ausreicht,
der gesamten emporgetriebenen Baumasse den inneren
Halt zu geben . . Des Rätsels Lösung wird nur dem
Wissenden zu teil: der Außenbau gibt sie, mit
seinem vielverzweigten Strebegerüst, das den Seiten-
druck der Gewölbe aufnimmt und die tragende Mauer
unnötig macht. Nun aber ist das Auge so eingerichtet,
daß es für jede Wirkung auch die Ursache sucht und
sich beunruhigt fühlt, wenn ihm das Verhältnis von
Stütze und Last verschleiert wird. Das aber ist hier

der Fall. Fragt man sich im Inneren vergeblich: wer
trägt diese hohen Gewölbe? wie kommt es, daß sie
nicht einstürzen? — so bleibt der Außen bau die Ant-
wort auf die Frage schuldig: wozu diese Riesenpfeiler?
Eine Rechenkunst ohnegleichen hat dieses ganz stei-
nerne Gestänge aufgerichtet, nicht aus Freude an der
bloßen, nüchternen Verstandes-Operation, sondern —
dies ist das Entscheidende — um einem Maximum
von Gefühl die formale Möglichkeit der Selbst-
darstellung zu geben. . . . ernst von niebelschütz.

DAS SCHÖNE BAUWERK

Schönheit ist nur dort ein berechtigtes Ideal der
Baukunst, wo sie zugleich Charakter und im
weiteren Sinne Nationalität in sich trägt . . Man kann
von einem Bau niemals ganz allgemein sagen, er sei
schön oder er sei nicht schön. Ein Architekturwerk
ist immer nur in diesem oder jenem Lande, in einer be-
stimmten Zeit und — mit besonderer Rücksicht auf
den »Genius loci« — in einer besonderen Situation
»schön«. Architektur darf man nicht transferieren wie
ein Gemälde oder eine Plastik. . . Hermann sörgel.

*

STREBEN NACH REINER FORM. DiewahreBin-
dung aller Künste gibt nur die Architektur. Nicht
durch eine billige Methode der Vereinfachung oder des
Weglassens entsteht aber ein Stil, sondern durch un-
sagbar heißes Bemühen, den treffendsten Ausdruck,
die reinste Form heraus zu entwickeln, hans poelzig.

burg tarasp im unter-engadin. treppenhaus
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