Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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SCHLOSS WOLFSBRUNN IM ERZGEBIRGE

DIE INNENRÄUME DES SCHLOSSES.

Dem im Januarheft ausgesprochenen Wunsche, das
Schloß Wolfsbrunn einmal nicht nur von außen
anzusehen, sondern auch in seinen Räumen zu durch-
schreiten, Kontraste und Harmonien zu erleben und aus
dem Ganzen des räumlichen Komplexes den starken Ge-
samteindruck zu gewinnen, den der Architekt beabsich-
tigte, soll nun Erfüllung werden. Rückschauend in schöne,
heiße Spätjulitage des Jahres 1918 wird in einem die
Erinnerung lebendig an dieses neuzeitliche Märchenschloß.
Damals stand neben dem Bauherrn und seiner Gemahlin
noch der Erbauer von Wolfsbrunn, Emanuel von Seidl,
an der Seite seiner kurz zuvor heimgeführten Gattin in
neu erwachter Lebensfülle und Lebensfreude; es hatten
sich auch Mitarbeiter Seidls in Stein eingefunden, Künst-
ler, denen das Schloß manches wundervolle Schmuck-
stück verdankt, und so gab es in den weiten Gesell-
schaftsräumen, im Gäste-Stock im Besonderen, aber
auch bis hinab ins Untergeschoß, wo in sagenhaft komfor-
tablen Kellern ein stilgerecht edler Tropfen gehegt und
zuweilen an Ort und Stelle geprobt wird, die Fülle ge-
selligen Lebens, angeregter Unteihaltung und gesell-
schaftlicher Bewegung, ohne die dieses weitausladende
Haus garaicht denkbar ist.. In vielen stillen Monaten, die
diesem Hochsommer-Einfall in das Steiner Schloß seit-
dem gefolgt sind, in der schweren Zeit, die Deutschlands
Niederbruch brachte und seine unabsehbaren Folgen
auswirkte, wurde es freilich auch hier sehr still: der
Schönheit der Räume tat das keinen Abbruch. Schönheit
thront auch in Stille und Abgeschiedenheit, aber dennoch
fehlte diesem auf breiteste und zugleich kultivierteste
Geselligkeit angelegten Hause etwas Wesentliches, da
es seine soziale Funktion nicht erfüllen durfte. Denn
festliche Geselligkeit ist eines der Hauptkennzeichen
Seidischen Bauens — Einklang mit der Natur und Musi-
kalität der Architektur sind die anderen.........

*

Wie sich Schloß Stein, ungeachtet der Eigenart Seidi-
schen Stils mit seinen altbayerischen Elementen, aufs
glücklichste der Mittelgebirgs-Landschaft des Erzgebirges
anschmiegt, habe ich schon zu bekräftigen versucht, als
hier das Schloß in seiner Gesamt-Erscheinung zu be-
schreiben unternommen wurde. Es darf angefügt werden,
daß etwas von der Naturstimmung aus dem Äußeren ins
Innere des Hauses getragen ist, daß sich, sobald sich
eine besonders schöne Aussicht eröffnet, oder eine Merk-
würdigkeit der Natur ins Bild zu treten willens ist, die
Gruppierung des Raumes zum Fenster drängt, daß auch
bei der Wahl der Tapeten und Farben auf die Natur-
Stimmung Rücksicht genommen wurde, namentlich aber
bei dem festlichen Speisesaal, dessen schöne Gestaltung
schon die Abbildungen jenes Heftes zeigten, die Natur
gleichsam herein getragen wurde in den Raum. Die
architektonische Trennung von Freiraum und Innenraum
ist in diesem Fall dermaßen labil, daß die Schranken fast
fallen. Der warme Hauch der Natur atmet herein und
überflackt die festlichen Tafelfreuden so, daß in ge-
selligem Kreise eine Art zauberischer »Sommernachts-
traum«-Stimmung lebendig werden kann: in diesem un-
endlich gelösten, luftigen Raum könnten Leuchtkäferchen
schwirren und man brauchte darüber nicht zu staunen.

Musikalität war für Seidl Herzenssache. Ich denke
dabei nicht an die diskrete Begleitmusik festlichen Be-
ginnens, sondern an das innere Musizieren, an das Erfüllt-
sein mit Klängen und jubelnden Stimmen, das jeder
schöpferische Mensch in den Stunden, da ihm ein großer
Wurf gelingt, aus eigenem Erleben kennt. Seidl schrieb
selbst einmal geradezu diesen Satz: »Ist die Architektur
etwas anderes als Musik?« Und den »Rahmen«, der ihn
in seinem eigenen Hause umgab, nannte er »versteinerte
Musik« und hörte sie aus jeder Ecke klingen. Gleicher-
maßen ergeht es einem hier, im Schloß Wolfsbrunn: aus
jeder Ecke, aus jedem Raum klingt Musik. Nicht eigen-
willig, nicht in Unabhängigkeit des Einzelklanges vom
großen Ganzen, sondern Klang reiht sich an K'ang, und
in ihrer Gesamtheit bewirken die Klänge den Eindruck
einer Symphonie, deren Komponist und Dirigent der
Architekt Emanuel Seidl ist, während im Orchester viele
ausgezeichnete Künstler mitstreichen und mitblasen. . .

*

Die Abbildungen, denen sich diese Zeilen gesellen,
führen den Betrachter durch alle Teile des Schlosses.
Im Untergeschoß hat das geräumige, die letzten Mög-
lichkeiten praktischen Komforts mit verschwenderischer
Pracht edlen Materials paarende Bad mit dem tiefen
Bassin seine Stätte gefunden: es ist irgendwie etwas
Römisches, etwas Thermenhaftes in dieser Raumschöp-
fung schaubar geworden: eine Erinnerung an Seidls
römische Zeit scheint darin aufzuleben, etwas von den
lang nachhaltenden Eindrücken dieser Reise, deren Aus-
wirkungen Se.'dl selbst seine »römisch-moderne Periode«
nannte. Aus dem Erdgeschoß, das in der Hauptsache
ganz der Geselligkeit gewidmet ist und der Repräsen-
tation, zu der den Hausherrn seine Stellung verpflichtet,
stammt Musiksalon und Herrenzimmer. Zwei nur
durch das kleine, schmal gehaltene Bibliothekzimmer ge-
trennte Räume, die in ihrer Stimmung doch weltenweit
auseinander zu liegen scheinen. Das Herrenzimmer trägt
den Charakter des Arbeitsraumes, des Konferenz-Zimmers
intimerer Art, wo man zu dreien oder vieren wichtige
Dinge bespricht. Hier wird der Hausherr, Dr. Wolf,
sich nur mit den ihm Nahestehenden beraten, denn der
Raum ist seinem bildlichen Schmuck nach so aufschluß-
reich, daß er jedem, der das Zimmer betritt, Einblick
gewährt in das, was den Hausherrn bewegt, was ihm
selbst Erlebnis wurde und seinem Wesen den eigenen
Klang gibt. Zur Zeitgenossen-Stimmung tritt der Ewig-
keitszug. Unten, in der Wandtäfelung eingelassen, sieht
man farbig zurückhaltende Bilder von Fritz Erler, die
ihre Stoffe aus den großen, schweren Erlebnissen der
Kriegszeit holten, Feld und Heimat gleichermaßen zuge-
wandt, darüber als hohe, zeitlos gewordene Genien des
Deutschtums die Idealbildnisse von Friedrich II., Goethe,
Schiller, Lessing, Mozart, Beethoven und Wagner, ge-
malt von Ludwig von Herterich. So »erzählt« dieses
Zimmer, analysiert, während der Musiksalon die Stim-
mung ernst und entschlossen zusammenfaßt. Blau und
Gold herrschen hier vor, steigern den Eindruck zu höch-
ster Dekorativität. Julius Diez schuf das Deckengemälde
— eine poetisch - malerische Verklärung des Nacht-
himmels; er leitete diese Stimmung weiter in den beiden
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