Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INN EN-DEKORATION

architekt max w1ederanders-münchen bücherei in einem herrenzimmer. nussbaumholz

ein moosgrüner Kachelofen (altes Modell). Davor der
Sessel mit goldbraun und grünem Bezug und Möbel in
dunkel mattiertem italienisch Nußbaum. Zur Belebung
der streng abschließenden Seitenwände des zerlegbaren
Bücherschrankes dienen schmale, einfache Intarsien. . .

In der Bibliothek (S. 72) war zwischen den straffen
Linien des Regals und den vielen exotischen Sammlungs-
gegenständen ein Übergang zu finden, der durch das
Ausschneiden und Runden der Seitenwände im Ubergang
zum Unterteil versucht wurde. Der hierdurchaufgelockerte
Rhythmus setzt sich in den kleinen Plattenauflagen des
obersten Brettes in kleineren Schwingungen fort.....

Durch Dekupier-Arbeit wurden die einfachen Flächen
des Sofas und der Stühle (S. 73) gegliedert und in-
teressant gemacht- Frischfarbige, gelb-grün-rote Blüten
und Blätter beleben den grau-blau karierten Grund der
handbedruckten Seidenbezüge der Sitzmöbel......

Der Wohnzimmer-Tisch (S. 74) will nur fest, breit,
stabilisierend wirken für alles andere im Raum. Silber-
schrank (S. 75) und Nähtisch (S. 76) in dunkelbraun
mattiertem Nußbaum sind reine Zweckmöbel und sollen
zugleich mit der vollkommenen Erfüllung praktischer
Anforderungen eine gute Erscheinungsform bieten. . .

Die Muster meiner handbedruckten Seidenstoffe, die
ich verwende, sind in heiteren Farben, teils auf weißem,
teils auf schwarzem Grund. Ultramarinblau, kaltes
frisches Grün und Karminrot sind mit kleinen Zutaten von
Gelb und Braun meist die vorherrschenden Farben... w.

DIE KLEINE ERZÄHLUNG

Je gemütlicher ein Zimmer eingerichtet ist, desto leichter
stimmt es zu jener feinen Behaglichkeit, die zum Er-
zählen einlädt und auch dem Schüchternen die Scheu
vor der eigenen Stimme nimmt. Es kommt sehr viel da-
rauf an, wo und wie man im geselligen Verkehr zusam-
mensitzt, und die Konversation hängt mehr, als der Ober-
flächliche einräumen möchte, von der Umgebung ab!

*

Die Geselligkeit des 18. Jahrhunderts brachte in ihren
fein abgestimmten Räumen die »Anekdote« zur Blüte.
Anekdoten gut zu erzählen ist eine große Kunst, die man
wieder zu schätzen beginnt. Sie hatte sich mit anderen
Zierlichkeiten vergangener Kultur verloren, paßte auch
nicht in die Räume, die der zweiten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts ihren Stil verdankten. Man verachtete die
Anekdote, der Historiker leugnete ihren Wert, der Welt-
mann ihre Berechtigung, einen wichtigen Platz in der
Unterhaltung einzunehmen.. Jetzt fängt man an, in diesem
Urteil den Fehler zu entdecken. Kluge Frauen geben
sich Mühe, ihre Geschichtchen »pointiert« zu erzählen
und Männer, denen außer der Würde auch der Geist
ihres Wissens bewußt ist, verschmähen nicht, am rechten
Ort die richtige Anekdote zu bringen. So zieht sie
wieder ein, als zierliches und beliebtes Kunstwerk der
Rede und befreundet mit Menschen oder Dingen, die
dem Hörer sonst ferne stehen, a. v. gleichen-russwurm.
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