Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT HUGO GORGE —WIEK WOHNZIMMER IM HAUSE DR. L.-W1EN

ZUR GEISTESGESCHICHTLICHEN WERTUNG DES NEUEN

KUNSTGEWERBES

Rückschauend in die Tiefen der Vergangenheit finden reichern, sondern, wie gesagt, leicht hingeplauderte
wir regelmäßig alle Äußerungsweisen eines und feuilletonistische Gedanken, die nichts festlegen und ab-
desselben Augenblicks geistig mit einander verbunden, grenzen. Ein Versuch zu genauerer Festlegung der
Sie speisen sich alle aus einem einheitlichen, zeitlich be- wahren Zusammenhänge soll hier gemacht werden. . . .
stimmten Grundgefühl. Die Kunst hat ihre Widerhalle Es ist bekannt, daß der Naturalismus in Kunst und
im Denken, die gewerbliche Form speist sich ebenso aus Dichtung einbrach zu einer Zeit, da noch kein Mensch
den Grundantrieben des Augenblicks wie die dichterische an bauliche und gewerbliche Neuform dachte. In die
Form. Je näher wir dann an die Gegenwart heran- 60 er Jahre fast reicht der Beginn seiner Herrschaft zu-
kommen, desto schwieriger wird es, diese Zusammen- rück. Hauptmann, Liebermann treten auf, Zola und
hänge zu übersehen. Am sichtbarsten bleiben sie auch Monet. Die Dokumentierung der naturalistischen Ge-
da auf den Gebieten der Malerei und der Dichtung, sinnung vollzieht sich in Kunst und Dichtung rasch und
Denn diese beiden Künste haben ein unendlich bieg- gleichlaufend; die neue Geisteslage prägt sich mit un-
sames Material und können oder müssen den Verände- überbietbarer Genauigkeit aus und erledigt in kürzester
rungen in der Geisteslage der Zeit am geschwindesten Frist, was ihr noch an epigonischer Geistigkeit im Wege
und deutlichsten nachgehen. Ihr Material steht der reinen steht. Die Raumkünste aber verharren zunächst noch
Energie am nächsten. In trüberen Stoffen spiegelt sich reglos. Zehn Jahre Naturalismus vergehen, zwanzig
die Zeit undeutlicher; es bedarf gewissermaßen eines Jahre; die naturalistische Gesinnung verfärbt sich zur
schärferen Hinschauens, um das Abbild des kulturellen impressionistischen. Aber die Menschen, die sie tragen,
Augenblicks auch in den architektonischen und gewerb- wohnen noch in Häusern, die durchaus dem niederge-
lichen Formen richtig zu erkennen. Während also nach- kämpften epigonischen und historizistischen Geist ent-
einander die naturalistische, impressionistische und ex- sprechen. Die geistige Verbundenheit der einzelnen
pressionistische Zeitstimmung geschwind und gleichzeitig Formgebiete scheint in dieser Zeit-Epoche völlig gelöst;
in Malerei und Dichtung sich ausprägen, wird es schwie- kein Weg führt von Zola oder Strindberg zu den
rig, auch die bauliche und gewerbliche Form geistes- historisch eingestellten Nutzformen ihrer Zeit. . . .
geschichtlich sogleich geziemend einzureihen. Man hat Aber es liegt eben doch ein Zwang in dieser Ver-
wohl mancherlei unverbindliche Allgemeinheiten gehört bundenheit. Er wirkt sich im vorliegenden Falle spät
darüber, wie sich moderne kunstgewerbliche Form mit und unerkannt aus. Aber wir Heutigen sollten uns end-
dem Geist des Maschinenzeitalters, mit der Seelenver- lieh darüber klar werden, daß die Umwälzung in un-
fassung des modernen Menschen verbindet. Aber das seren Nutzformen, die Mitte der 90er Jahre einsetzte,
sind keine wahren geschichtlichen Ortsbestimmungen, nichts anderes war als der endliche verspätete Ein-
keine notwendigen Einreihungen, die die Einsicht be- bruch des Naturalismus in den Bereich der ange-
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