Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INNEN-DEKORATION

architekt fritz aug. breuhaus —köln anrichte im speisezimmer eines kölner hauses

KREDENZ UND BÜFETT

Gemäß ihrer zweifachen Funktion: einerseits als Auf-
bewahrungsort für Geschirr und Tischgerät zu
dienen, andererseits als Gelegenheit, Speisen, Getränke,
Gläser, Prunkgeräte zur Schau zu stellen, hat die Kre-
denz, als Geschirr-Schrank und Abstelltisch, verschiedene
formale Wandlungen im Laufe der Zeiten erfahren. Der
hohe, geschlossene Schrein mit offenem Unterteil war
im Zeitalter der Gotik, um 1500 gebräuchlich. Aus der
Truhe, — diesem immer praktischen und immer an-
sprechenden Universalmöbel, — entwickelte sich in
Italien frühzeitig die breite, mehrtürige Truhen-Kredenz
in mäßiger Höhe, die dort lange Zeit unverändert diese
charakteristische und zweckmäßige Form beibehielt.
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts, — als infolge der
sozialen Umwälzung das lebenslustige Bürgertum der
Städte und der mächtig emporblühende Kaufmannsstand
Wohlstand und Luxus ins Land brachte, — erscheint
der halbhohe Kredenz- Schrank meist mit drei terrassen-
förmigen Aufsätzen zur Schaustellung der Prunkgeräte.
Aeneas Silvius, der spätere Papst Paul IL, berichtet da-
mals, gelegentlich einer Reise durch die deutschen Lande:
»Wo fände man in Deutschland ein gastliches Haus, wo
man nicht aus Silber tränke und wo die festlichen Tische
nicht mit Gold- und Silber-Geschirr belastet wären?«
In der Spät-Renaissance erstand in Deutschland, Hol-
land und England der hohe Büfett-Schrank, — zunächst

mit Baldachin, später mit Aufsatz, architektonischer
Fassade und Schnitzwerk, — der sich bis in unsere Zeit
im bürgerlichen »Büfett« zählebig erhielt. Im Früh-Barock
gewann das plastische Schnitzwerk immer mehr an
Boden. Damals allerdings konnten diese ornamental-be-
lebten Holzmassen sich in der schweren Vertäfelung des
Raumes ausschwingen. Vor den tapezierten Wänden
unserer Räume aber wirkt solche schwere Holz-Ornamen-
tik auf Büfett oder Kredenz immer recht unharmonisch.

Neue Einzel-Formen der Kredenz brachte dann das
18. Jahrhundert. Zunächst eine Reaktion gegen die all-
zusehr wuchernde Ornamentik, eine Befreiung des Ein-
zelmöbels von architektonischen Fassaden-Elementen.
Die Tischlermeister Adams, Sheraton, Chippendale schu-
fen Phantasieformen verschiedener Art, mit Aufsatz-
schränkchen und dergl., auch wieder niedere Kredenzen.

Unzählige Formungen haben Büfett und Kredenz in
der Neuzeit erlebt. Die niedere, elegant und sachlich
geformte Kredenz scheint sich als endgültiger Typ
allmählich durchzusetzen. Sie paßt sich der Blickhöhe
der sitzenden Gäste am Besten an.. Vielleicht kommt
auch irgend einmal wieder eine Zeit, in der terrassen-
förmige Schaugestelle erforderlich werden, um edles
Geräte eines hochwertigen Kunsthandwerks, erfreuliche
Speisen und Getränke zur Schau zu stellen . . eine Zeit
neuen Wohlstands und neuer Lehenslust ?. . hugo lang.
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