Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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XXX11. JAHRGANG.

DARMSTADT.

MÄRZ 1921.

KUNST UND KUNST-EMPFINDEN

zum kunstempfinden sind alle berufen.

Empfinde Kunst — dann wirst du ein Schaf-
fender der Seele! Aktiviere dich, entfalte
seelische Kräfte, indem du das fremde Werk
aus seinem Kern in dir zum Erblühen bringst.
Urteile nicht zuerst; empfinde! Dein Urteil bist
gewöhnlich nicht du, sondern ein Anderer, der
Abfälliges sagte; mißtraue den Urteilen! Miß-
traue auch dir, wenn dein Empfinden vorerst
schweigt; prüfe dich selbst und suche den Fehler
in dir, wenn du nicht zum Kunstwerk findest.

Kunstempfinden ist eine eminent menschliche
Angelegenheit. Man ist an den Grundquellen
des Daseins. Wer ein Kunstwerk im tiefsten
Grunde begriffen hat, der, sollte man glauben,
müsse den Geheimschlüssel zu allen Kunstwerken
besitzen, wie verschieden sie auch nach Zeit und
Art seien. Das ist jedenfalls das ideale Ziel des
Kunstverstehens .. Es ist das besondere Merkmal
des wahren Kunstempfinders, daß er nicht nach
Schulen und Richtungen urteilt, sondern jedes
Werk als Individualität erfaßt und das Wesent-
liche daran erkennt oder erfühlt, ob es nun ver-
gangenen Epochen oder der jüngsten Generation
angehört. Für ihn gibt es nur lebendige Kunst
und tote Kunst, die aber keine ist und niemals

lebendig war. Nicht alles ist tot, was nicht modern
oder Mode ist, nicht alles ist lebendig, weil es
von heute stammt und die jüngste Doktrine schreit.

Denkt nicht an die Werke anderer, die Ihr
gestern gesehen habt, wenn Ihr heute vor eine
neue Kunst hintretet, die Euch noch fremd ist.
Begreift es, daß Kunst nicht verharren und ihre
Formen wiederholen kann, sie ist immer nur ein
Einmaliges und zweimal dasselbe ist schon ein
Fluch. Warum verlangt Ihr in der Kunst immer
nur das, was Ihr gewohnt seid, wenn Ihr vor-
gebt, Kunst zu empfinden? Die Menschheits-
geschichte ist die Geschichte der Ausnahmefälle;
Kunst statuiert die Ausnahme und verwirft das
Herkömmliche; sie behauptet ihren Rang neben
allem Großen, indem sie immer wieder neu in
den Strom der Geistigkeit hinabtaucht und aus
dem ewigen Fluß immer wieder als anderes em-
portaucht, das uns von den gebrauchten Formen
erlöst und die Geistigkeit des Unendlichen in
der Unerschöpflichkeit der Form spiegelt. . . .

Zur Kunst berufen sind wenige; zum Kunst-
empfinden alle! Es kommt nur darauf an, daß
sie ihre Seele entdecken und deren Fähigkeiten
und den rechten Gebrauch wissen, jos. aug. lux.

1921. III. 1.
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