Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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XXXll. JAHRGANG.

DARMSTADT.

DEZEMBER 1921.

DIE KUNST IM LEBEN.

KUNST ALS DIENERIN UND SCHMÜCKERIN DES DASEINS.

Unsere Lebens-Arbeit speist sich aus den inneren
Antrieben, Bedürfnissen und Wünschen, die
unmittelbar aus unserem Charakter heraus wirk-
sam werden. Erst später erkennen wir, welche
Gedanken diesen Antrieben zu Grunde liegen.
Erst später gelangen wir dazu, in unsern Impulsen
ein »Programm« zu sehen und dieses klar zu for-
mulieren. Wenn ich von einem »Programm«
meiner Lebens-Arbeit sprechen kann, so war es
dies: Kunst und Leben in immer engere
Fühlung zu setzen, die Kunst begreiflich zu
machen als einen notwendigen Bestandteil des
Lebens, sie mit allen Mitteln in dasselbe hinein-
zuziehen und zum Leben in fruchtbare Beziehung
zu setzen. Daß Kunst eine Frucht des Lebens
ist, daß sie umgekehrt wieder das Leben gestalten
und schmücken muß, daß sie Anteil nehmen soll
an der Verschönerung des Heims, der Kleidung,
an der Erziehung der Jugend, an der Bildung der
Hohen und Niederen, daß sie in die Familie ge-
hört, ins Büro, in die Arbeitsstätte, auf den Markt-
platz, auf die Bühne, in die Schulen und Kirchen —
diese Gedanken lagen dem Zeitalter der 80 er
und 90 er Jahre fern. Mir war es von Anfang an
unmöglich, die Kunst als etwas vom Leben Ab-

getrenntes zu betrachten, sie erschien mir von
vornherein als eine Dienerin und Schmückerin
das Daseins. Der rein ästhetizistische Standpunkt
war nie der meine. Der wahre Adel der Kunst be-
steht darin, daß sie dem praktischen Leben dient.

Die geistigen Güter sind immer die wertvollsten
Güter eines Volkes. Aber für das deutsche Volk
von heute gilt dies in ganz besonderem Grade.
Persönlichkeit, Charakter, Wert und Wertbewußt-
sein hat ein Volk nur insofern, als es teilnimmt
an der geistigen Wert-Erzeugung der Menschheit.
Die äußeren Umstände, unter denen unser Dasein
verläuft, sind heute so drückend, daß die mate-
riellen und engen Sorgen alles Geistige zu er-
sticken drohen. Damit wäre die Axt an die
Wurzel des deutschen Volksbewußtseins und Ein-
heitsgefühls gelegt. Ich habe das volle Vertrauen,
daß unser Volk siegreich aus diesen Schwierig-
keiten hervorgehen wird. Aber dazu ist nötig, daß
alle Geist-Mächte, aus denen dem Menschen
seinWertgefühl kommt, sorglich gepflegt werden,
insbesondere die guten Mächte der Kunst!
Sie werden uns hilfreich beistehen, wenn jeder
Einzelne zu ihrer Erhaltung und Stärkung nach
seinen besten Kräften beiträgt. . Alexander koch.

1M1. XII. 1.
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