Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INNEN-DEKORATION

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GERHARD SEVERA1N-WIESBADEN KINO-VORRAUM MIT WANDMALEREI

DIE VERKLEIDUNGEN DES RAUMES

Die viel mit der Gestaltung und Ausstattung von men, die Wände vollkommen kahl hinzustellen. Schmuck-
Räumen zu tun haben, kommen allmählich zu einer los Boden und Decke zu lassen. Haben wir damit den
seltsamen Erkenntnis. Je intensiver sie den Raum zu »Raum« gefaßt? Ausgeblasen zwar ist das Ei. Von dem
fassen suchen, desto mehr entweicht er ihnen. Sie ver- Wesen des Raumes, zu dem auch Fülle und Gewicht
suchen es mit allen Künsten der Zeichnung. Sie bauen gehören, ist aber viel verschwunden. Und wir merken
Modelle. Schließlich experimentieren sie in den vier plötzlich, daß die Kanten, Ecken und Flächen viel zu
Wänden selbst. Das Resultat ist immer das gleiche: Sie grell aufschreien. Wir haben eine Schachtel ohne Inhalt
haben eine Maske in Händen, niemals das Wesen. Der vor uns. Und wir sehen ärgerlich die Schachtel, nicht
Raum spottet seiner Verfolger. den Raum, den sie umschließt. Der Raum hat sich als
Strenge Architektur hilft nichts. Straffen wir die Nonne verkleidet, er selbst ist uns wieder entschlüpft.
Wand mit Säulen, differenzieren wir Sockel, Kapitäle, So probierten wir der Reihe nach die verschiedensten
Gebälk, Füllfelder. Was haben wir erreicht? Es steht Rollen durch. Im Kleide bunter Tapeten ward der Raum
vor uns ein anderer Raum da, ein in sich vielfach zer- zum tanzenden Narren; stoffliche Draperien lösten alle
teiltes Gebilde. Achsen haben wir eingerammt. Eine Bestimmtheit der Flächen und Kanten, der Raum fing an
Windrose von Richtungen strahlt auf. Oben und unten zu wogen und zu verfließen. Vollständig aufgehoben als
scheiden sich in Feindschaft. Der absolute Raum, von stereometrisches Gebilde war der Raum dem Empfinden
dem wir die Maße so genau wissen, hat einem General des Gotikers. Der gab keine Grenzen, nur Teilung und
Platz gemacht, mit all den Uberbetonungen der Uniform, Fluß: Sagen wir, ein System von Bewegungen, etwa so,
die von dem Menschen so wenig übrig lassen. Aber den wie heutige Physik das Atom sieht ....
Menschen schlechthin, gibt es den überhaupt? Oder gibt Sollen wir immer neue Formulierungen versuchen, um
es nur Arbeiter, Bauern, Beamte und — Generäle? den Raum endlich als solchen sinnfällig und sichtbar zu
Wir wissen die Maße des Raumes bis auf den Milli- machen? Es wird zwecklos sein. So wenig der Mensch
meter. Aber wir können nicht sagen, welcher Charakter, jemals ohne Rolle, ohne Verkleidung auftritt, immer Be-
welche ästhetischen Eigenschaften diesen Maßen ent- amter ist oder Familienvater oder »Privatgelehrter«, so
sprechen. Wir können uns den Raum nicht vorstellen wenig braucht er einen Raum ohne Verkleidung, ohne
ohne Verkleidung, ohne Charakter, der immer schon Be- Maske . . . Erst nach dem Tode kehren wir ins Reich
schränkung ist. Manchmal wird der Versuch unternom- der Idee, der absoluten Form zurück... anton jaumann.

1821. III. 4.
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