Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INNEN-DEKORATION

ENTW. U. AUSF: JOSEPH TRIER—DARMSTADT EMPFANGSZIMMER IM HAUSE A. H.-DAHLEM

DAS GEFÜHL DES RAUMES.

VON EMIL LUCKA-WIEN.

Man kann Jahre hindurch und mit lebendigem Ver-
ständnis verschiedene Landschaften sehen und in
sich aufnehmen, ohne doch dieses ganz besondere Gefühl
zu finden, das über aller Landschaft, ja über allem Ge-
formten schwebt wie etwas Dauerndes und Wandelbares:
das Gefühl des Raumes. Ein Gefühl von Sicherheit,
Gemütlichkeit umfängt uns in eng umgrenzten Räumen,
in einem lang bekannten Zimmer etwa. Wir empfinden
schließlich solch einen Raum als Raum schlechthin, zu
dem nichts Fremdes, Unheimliches einen Weg hat.
Dieser umzirkte, ganz mit bekannten Dingen besetzte,
von bekannten Menschen durchwohnte Raum — das
Zimmer im Gasthof mutet schon nicht so vertraut an —
ist die nächste und sicherste Art räumlichen Empfindens
und auch in der Entwicklung die erste, denn für das Kind
bedeutet seine Stube die Welt, das räumliche Dasein,
das außer ihr liegt, ist die Fremde. Das Gefühl »Ge-
mütlichkeit« hängt mit der engen Begrenzung zusammen,
in solchen Räumen, auch auf wohlbekannten, nicht zu
großen Gutshöfen etwa spielt das Idyll. Eine mit Menschen
volle Stube, von Tabak*qualm erfüllt, schenkt den In-
sassen das Gefühl von Gemütlichkeit; aber die Rauch-
wolken, die alle Umrisse aufzehren und schwinden machen,
tragen einen schwachen Nebenton des Dynamischen und

Unbegrenzten hinein, der in eine andere Sphäre führt.
Es ist uns natürlich und gemäß, den Raum als etwas Ab-
meßbares, das heißt als etwas von uds Beherrschtes, uns
Unterworfenes zu fühlen, als etwas, das uns ganz bekannt
ist, das Menschen und Dinge heimisch, väterlich ein-
schließt. Wir empfinden ungefähr: vier Meter lang, drei
Kilometer weit, tausend Meter hoch, nicht immer klar
bewußt, aber doch meistens mit einer gewissen, von An-
fang an vorhandenen Schätzung (die ja sachlich irren
kann); denn die von uns erschaffenen Maße, die schon
längst von der Geometrie ins Gefühl eingedrungen sind,
gewähren uns das Vertrauen, daß wir uns in der Welt
der Dinge, das heißt im Raum, zurechtzufinden wissen.

Der Mangel fester Umrisse, das fürs Auge Grenzen-
lose setzt sich unmittelbar ins Gefühl um, erzeugt Be-
klemmung und Angst, aber auch ein Bewußtsein von Er-
habenheit, eben die Ahnung des unendlich aufgeschlos-
senen Raumes. Es gibt Maler, die uns solche Gefühle
mächtig ins Herz senken; alle Umrisse versiegen, ein
ungeheures, nicht faßbares Chaos umbrandet uns, das
schwankende, schattenhafte Gestalten in sich birgt. Diese
Künstler lösen den uns vertrauten Raum auf, die Dinge
in ihm verlieren ihre Festigkeit, zerfließen, sind nicht mehr
das Bekannte und Vertraute, sondern etwas Fremdes,
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