Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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ZUM VIERZIGJÄHRIGEN VERLAGS-JUBILÄUM

VOM HERAUSGEBER.

Es ift ein befonderer Anlaß, der mich heute an diefer Stelle das Wort er-
greifen läßt: Am erften Januar 1928 find vierzig Jahre verflofTen, feit der von
mir begründete Verlag ins Leben trat. In einem längeren Vorwort zum Januarheft
der »Deutlchen Kunft und Dekoration« habe ich ausgeführt, was an diefem Tage
der freudigen Rückfchau zur Entftehung und Gelchichte des Verlages zu Tagen war.
Ich habe ausgeführt, wie er zunächft unfcheinbar mit der »Tapeten-Zeitung«
begann, um von da alsbald (1890) zur Gründung der »Innen-Dekoration« weiter-
zulchreiten. Auch an diefer Stelle möchte ich in die Erinnerung zurückrufen, wie
gedrückt — und zwar vor allem geiftig, aber auch wirtlchaftlich gedrückt — die
Lage der Handwerkskünfte am Ausgang der 80 er Jahre war. Es fehlte ihnen die
Anteilnahme des gefamten Volkes. Es fehlte das Bewußtfein, daß nur aus der
lebhaften und intereliierten Zufammenarbeit eines ganzen Volkes eine gute
Form unferer Wohnungen hervorgehen konnte. Die »Innen-Dekoration« entftand
in einer Zeit der äfthetifchen Verwilderung. Der heute felbftverftändliche Gedanke,
daß auch unfere Zeit den Beruf, ja die Pflicht zu einer originalen Möbel- und
Wohnungsform habe, hatte noch nicht Wurzel gefchlagen. Die Zeichner von
Möbeln, die gefamte an der Wohnung beteiligte Indulfxie bewegte fich in jenen
Entlehnungen, die eine vergangene, einftmals große Form nicht etwa wiederholten,
fondern verballhornten. Die Gegenwehr gegen diefe Gefinnung und Methode,
oder pofitiv ausgedrückt, ein neuer Kulturbegriff, der inftinktiv um die
tätige Verbindung von Kunft und Volk Befcheid wußte — dies bildete
den Boden, in dem die »Innen-Dekoration« geiftig wurzelte.

Hinzu kam noch, daß von Jugend auf der Gedanke in mir lag, daß ein ge-
pflegtes, harmonifches Heim dem Menfchen unentbehrlich ift, wenn er ein voll-
wertiger und lebenstüchtiger Menlch fein will. Das Heim war mir nicht nur ein
äfthetifches, ein formales Problem; ich fah es vor allem auch in feiner ethifchen
Bedeutung, d. h. in feiner Bedeutung für die Geiftes- und Herzensbildung der
Bewohner, für ihre Leiftungsfähigkeit, für ein glückliches Familienleben.

So wendete fich die »Innen-Dekoration« von vornherein an einen doppelten
Leferkreis. Sie ging und geht einmal den Architekten, den Handwerker, den
Möbelfabrikanten, den Künftler und den Kunftforfcher an, alfo alle die, deren Beruf
es ift, die Dinge der Wohnung praktilch zu formen, herzuftellen oder theoretilch
zu behandeln. Sie geht aber in gleichem Maße das ganze Volk an. Die Sache
des Wohnens ift das Mittel- und Kernftück alles zivilifatorilchen Tuns. Sie hat
nicht nur eine künftlerilche, kulturelle, wirtlchaftliche und politische Seite, fie ift
auch rein geiftig eine der intereffanteften Angelegenheiten des Kulturmenschen.
Nirgends fpiegelt fich der Geift der Zeiten klarer wieder als in ihrem Wohnen.
Mit diefer Eigenschaft als einer wahren Kulturzeitfchrift, mit diefer Verbin-
dung von fachlicher Spezialifierung und breitefter Volkstümlichkeit verwirklicht
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