Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

Page: 242
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1928/0265
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT RUDOLF LORENZ-WIEN KINDERZIMMER UND FRÜHSTQCKSRAUM

DIE KOMMENDE AUFGABE

DAS ZIEL EUROPAS IN DER ENTWICKLUNG

Jeder kann auf irgend eine Weise »so« nur dann sein,
wenn andere »anders« sind. Wo immer dies Ge-
setz verkannt wird, findet Rückbildung statt. Dies sieht
man an der entsetzlichen Standardisierung, die der demo-
kratische Gedanke auf dem ganzen Erdenrund immer
mehr hervorbringt. Der Mensch wird wirklich immer
mehr »Fabrikware«, wie Schopenhauer den Durchschnitt
hieß. . Vor allem aber muß es Unterschiede aus zwei
Gründen geben: erstens, weil nur deren Existenz die
Spannungen schafft, durch die differenzierte Qualitäten
entstehen, handele es sich um Führer oder sonstige
spezifische Seins-Typen. Dann weil die neidlose An-
erkennung von Unterschieden die erste Vorbedingung
höheren Menschentums ist, weil sie allein echtes
Einzigkeits-Bewußtsein schafft. Es ist eben ein radikales
Mißverständnis, von der Gleichheit auszugehen. Der
Einzige allein gibt den sinngemäßen Ausgangspunkt ab.

*

Kein wesentlich schöpferischer Geist war jemals
wesentlich Arbeiter. . Wo Arbeit nicht bloße Ausführung
bedeutet, dort hindert sie die Auswirkung des Wesent-
lichen. Und selbst die Ausfuhrung kann das Inspirative

stören. Allerdings wird Muße kaum je mehr allgemeine
Lebensform auf Erden werden; dazu ist die Unterlage
möglichen freien Lebens zu kompliziert geworden. Aber
die erforderliche Arbeit wird andererseits immer weniger
Aufmerksamkeit beanspruchen. Darin, nicht in der Mög-
lichkeit immer größerer und billigerer Produktion liegt
der Segen der Erfindung der Maschine. Höheres Men-
schentum ist dort allein entwicklungsfähig, wo der Mensch
sich als Herr fühlt und nicht als Knecht. . Je edler ein
Wesen nämlich, desto sonderlicherer Lebensbedingungen
bedarf es. Nur der sich als Herr Fühlende kann auch
andere gelten lassen; nur er kann es sich leisten, Qualität
als solche anzuerkennen, nur er ist ungebunden von
zwingender Konvention. Der innerlich Unfreie fühlt
sich nur sicher, wo er »wie alle« ist und alle sind wie er.

. *

Geistigkeit kann nur dort regieren, wo aller Nach-
druck auf dem Einzigen ruht und seinem Wert. Alle
Werte sind personal. . Wie jede schöpferische
Originalität im Einzigen wurzelt, wie es kein anderes
als persönliches Verstehen gibt: so steht und fällt
die Herrschaft des Geistes auf Erden damit, daß der Be-
loading ...