Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

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architekt rudolf lorenz—wien kaminplatz mit bücherei. haus in döbl1ng

WAS IST »SCHÖNES WOHNEN«?

von rudolf lorenz—wien

Für den, der nicht mit Phrasen verblüffen will, erscheint
es ungemein schwer, diese Frage mit einer allgemein
gültigen Formel zu beantworten — und doch hat es jeder
für sich sehr leicht, die für ihn geltende Antwort zu
finden, der auf den tieferen Sinn der Frage eingeht. .
Unsere Wohnung ist das Ergebnis der Bemühung, den
richtigen Rahmen für die Bedürfnisse unseres Lebens zu
schaffen. Sie muß zunächst den praktischen Anforderun-
gen in jeder Richtung genügen, alle Geräte enthalten,
die wir zum Schlafen, dem Essen samt dessen Zuberei-
tung, zur Bekleidung, zur Hygiene, Kindererziehung,
Geselligkeit, Musik- und Literaturpflege, in vielen Fällen

auch zur Berufs-Arbeit benötigen............



Aber die Erfüllung dieser Forderungen allein — die
allerdings die wichtigste technische Grundlage einer
guten Wohnung ist — verbürgt noch lange nicht, daß
eine Wohnung gut oder schön ist. Die Haus- und
Wohngeräte, die unsere tägliche Umgebung bilden, sind
ein Ausdruck unseres Wesens, ein Spiegelbild unseres
Wesens, unseres Charakters. Allerdings gehört dazu
das klare Bewußtsein, daß unsere Wohnung in erster
Linie für uns selber bestimmt ist, und daß sie, indem sie
unseren praktischen Zwecken sowohl wie der Befriedigung
unseres Gemütes dient, am besten unsere eigene Art
wiedergibt. Wir müssen von unseren Freunden und den

Bekannten, mit denen wir geselligen Umgang pflegen,
erwarten dürfen, daß sie uns kennen und so sehen wollen,
wie wir wirklich sind; daß sie nicht wünschen, wir
mögen ihnen in irgend einer »Verkleidung«, die unser
Wesen verbirgt, erscheinen. Darum müssen wir in Raum
und Gerät einfache und klare Formen finden, die wirklich
dem Wesen der Dinge und den ihnen zugedachten Funk-
tionen gemäß, also wahrhaft sind; so wahr wie wir selbst,
die wir die eigene Art ja auch nicht verstellen wollen. .



Wenn wir unsere Wohnung nach diesen Grundsätzen
einrichten, und für die einzelnen Gegenstände schlichte,
aus dem Material und seiner handwerklichen Behandlung
organisch gewachsene Formen wählen, wenn wir ferner
dafür sorgen, daß überall, wo sie gebraucht werden, Licht
und Luft in reichlichem Maße hereinströmen, wenn die
Wände, in hellen und freundlichen Farben, dazu bei-
tragen, die Räume heiter zu machen, und endlich durch
Stoffe, Bilder, Blumen und Bücher die dem Leben ent-
sprechende farbige und formale Vielgestaltigkeit einge-
bracht ist, dann wird unsere Wohnung nicht mit leblosen
Dingen angefüllt, sondern voll Leben sein und im Ge-
brauch und im Aussehen sich harmonisch mit unserem
Leben verbinden. Wo man dieses Verbundensein mit
dem täglichen Leben spürt, wo alles echt ist und sein
wahres Gesicht zeigt, dort wohnt man gut und schön, r.l.
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