Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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312 INNEN-DEKORATION

ausstellung deutsche kunst-düsseldorf«. raum mit keramiken von prof. max laeuger

FORM-ZWANG

Es ist klar«, — so schrieb vor zwei Jahrzehnten
Kandinsky, — »daß es zu derselben Zeit
viele verschiedene Formen geben kann, die
gleich gut sind.. Für jede Gruppe ist ihre Form die
beste, da sie am besten das verkörpert, was sie zu
verkünden verpflichtet ist. Man sollte aber nicht
daraus schließen, daß diese Form für alle die beste
ist oder sein sollte. Auch hier soll volle Freiheit
herrschen und man soll jede Form gelten lassen,
man soll jede Form für richtig, d. h. künstlerisch
halten, die ein vollkommener Ausdruck des inne-
ren Inhalts ist. Wenn man sich anders verhält, so
dient man nicht mehr dem freien Geiste«. . .

Diese von einem Künstler aufgestellte These
ist unbestreitbar richtig. Es läßt sich aber nicht
leugnen, daß durch das Vordringen der kollektiv-
dogmatischen Tendenzen heute die Geltung dieses
Standpunktes zu bestreiten versucht wird. Der Ehr-

UND -FREIHEIT

liehe muß bekennen, daß er selbst, sofern er dem
Zeitgeist willig sich einordnet, in diesen Zwiespalt
mit einbezogen wird. Einerseits steht unerschüt-
tert die Erkenntnis der »Freiheit« der Kunst und
alles Schaffens. Andererseits drängt unwidersteh-
lich der formende Zeitgeist in einer durchaus
zwangsläufig bestimmten »Sonder-Richtung«
vor, — unter Ausschaltung jeder Nebenrichtung.

Wie entscheiden wir uns? Wählen wir end-
gültig Form-Freiheit oder Form-Zwang? Oder
liegt nicht viel mehr in der »Ambivalenz«, im
schnellen Wechsel der Bejahung und Verneinung
heute unter Lustgewinn? Nicht das starre »Ent-
weder-Oder«, sondern das schwingende »Sowohl
als auch« scheint heute die einzig mögliche Denk-
form zu sein. Zwischen Form-Zwang und Form-
Freiheit freiausschwingend dient — heute wie
immer — die Kunst dem freien Geiste. . hugo lang.
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