Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

gehender Umwandlungs-Prozeß imHand-
werk vollzogen, der gekennzeichnet wird
durch die Anwendung neuzeitlicher Arbeits-
und Organisations-Methoden und neuzeitlicher
technischer und kaufmännischer Hilfsmittel.

Es wäre volkswirtschaftlich vollkommen
falsch gedacht, wenn man annehmen würde,
daß in der Zukunft nur ein einziges »uniformes
Wirtschafts-System« herrschen würde. Die
Wirtschafts-Geschichte läßt erkennen, daß
die Zahl der in einer bestimmten Zeitspanne
angewendeten Wirtschafts-Methoden sich im-
mer reicher gestaltet. . Um mit Werner
Sombart (der ursprünglich zu einem der
schärfsten Verfechter der Verelendungs-Theo-
rie für das Handwerk gehörte) zu reden, so
treten — bei der »wachsenden Polyphonie
des Wirtschaftslebens« — wie in einer Fuge
neue Stimmen zu den schon vorhandenen, ohne
daß die alten aufhören zu klingen. Und so
wird auch das Handwerk weiter be-
stehen, nachdem es den Umstellungs- und
Läuterungs-Prozeß abgeschlossen haben wird,
in dem es sich heute noch befindet. Dieser
Prozeß ist nicht nur wirtschaftlich-tech-
nischer Art, er ist vielmehr stark beeinflußt
von ethischen Gründen berufsständischer
Verpflichtungen und ist ein Wandlungs-Prozeß
im Sinne kultureller Veredelung des

handwerklichen Schaffens..........

Das Handwerk von heute ist nicht aus-
schließlich Handarbeit, vielmehr ist das Hand-
werk dauernd bemüht, durch Anwendung von
Kraft- und Werkzeugmaschinen, die seinem
Betriebs-System angepaßt sind, seine Güter-
Erzeugung auszubauen, — nicht nur quantita-
tiv, sondern auch qualitativ. Als höchst ver-
bessertes Werkzeug zur Schaffung von Quali-
PAUL laszlo-STUTTGART. blick zum VORRAUM. »LANDHAUS am SEE« täis-Erzeugnissen gehört die Maschine heute in

jeden modernen Handwerkbetrieb hinein. . Die
Anwendung von Maschinen zerstört nicht das
DAS HANDWERK UNSERER ZEIT Wesen des Handwerks, als ob es damit industrialisiert

würde. Es ist nicht richtig, eine scharfe Grenze zu

Entgegengesetzt der volkswirtschaftlichen Lehrmei- ziehen zwischen industrieller gleich maschineller und
nung früherer Zeiten«, — so führte Dr. Meusch- handwerklicher gleich handarbeitender Güter-Erzeugung.
Hannover, Generalsekretär des deutschen Handwerks- Vielmehr sind die Grenzen hier außerordentlich flüssig,
und Gewerbekammertages, in seinem eingehenden Referat ist eine Entscheidung nur von Fall zu Fall möglich, niemals
über »Handwerk und Werkbund« auf der 16. Jahres- aber ex cathedra mit schematisch-willkürlichen Begriffs-
versammlung des D. W. B. aus, — »daß bei dem rapiden Bestimmungen wirtschaftlicher oder künstlerischer Art. .
Fortschritt der Technik, der Konzentration des Kapitals Eine »Einheit von Handwerker und Künstler« in einer
und der sonstigen Produktions-Mittel der selbständige Person wird es für den Regelfall nicht mehr geben. Das
Hand werker-St and allmählich vollständig »aufgesaugt« Problem wird vielmehr sein, die Aufgaben von Künstler
werden würde, hat sich die Handwerks-Wirtschaft vom und Handwerker klar zu umreißen und zu einer frucht-
Beginn des neuen Jahrhunderts ab trotz Kriegs-und Nach- baren und engen Zusammen-Arbeit zu vereinigen,
kriegszeit ständig aufwärts entwickelt. So kann in der jeder seine Aufgabe mit Selbständigkeit lösen kann,
man heute feststellen — in Ubereinstimmung mit der Die Rationalisierung der Handwerks-Wirtschaft
modernen Wirtschafts-Wissenschaft, — daß das selb- darf nicht der »Industrialisierung« gleichgesetzt werden,
ständige Handwerkertum und das handwerkerliche Er- Die technisch maschinelle Rationalisierung findet im
zeugungs-System sich auch in der Zeit des gewaltigsten Handwerk ihre Grenze insofern, alsein grundsätzliches
technischen Fortschritts behauptet hat. . Allerdings, das Überwiegen der menschlichen über die mechanische
Handwerk von heute ist ein anderes als das Handwerk Arbeits-Leistung und die allseitige Beherrschung des
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ein sehr beträcht- Arbeitsgebietes durch die im Handwerksbetriebe be-
licher Teil des Handwerks ist mit der wirtschaftlichen schäftigten Personen (Meister, Gesellen und Lehrlinge)
Entwicklung bereits mitgegangen. Es hat sich ein tief- mit dem Wesen des Handwerks untrennbar ver-
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