Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKO RATION

PROFESSOR ERNST SCHERZ-BERLIN

UEBER DIE RAH

BEMERKUNGEN UBER

Wenn man ein japanisches und ein europäisches
malerisches Kunstwerk nebeneinanderstellt und
vergleicht, so wird man gleich finden, wie sehr das letztere
nach der zusammenschließenden »Einheit« eifert, während
das erstere gegen eine solche Einheit scheinbar gleich-
gültig ist oder vielmehr manchmal diese Gleichgültigkeit
fast zur Schau stellt. Es scheint einem, — bei echt-japa-
nischer Kunst, — als ob der Künstler das begrenzende
Format der gegebenen Bildfläche nicht merkte und seine
Komposition durch dieses sich nicht beschränken ließe. .



Die Eigentümlichkeit der Darstellungsweise japa-
nischer Maler besteht darin, daß dargestellte Dinge
nicht nur als solche angesehen werden sollen, sondern
meist einen »Hinweis auf die nicht gemalten« enthalten,
die irgendwie mit ihnen zu einheitlichem Zusammenhang
kommen könnten; daß Gegenstände nicht immer im Gan-
zen, sondern teilweise dargestellt werden, — und dennoch
in diesem Fall nicht für Teile gehalten werden sollen.
Beide zusammen bedeuten letzten Endes, der Künstler
lasse »die Teile das Ganze vertreten«, weil nach der
Auffassung unserer Malerei — wenigstens dem Anschein
nach — alle Dinge, wenn sie auch, von dem alltäglichen
Standpunkt aus betrachtet, in sich abgeschlossen ein
selbständiges Dasein zu führen scheinen, dessenungeachtet
immerTeile der unendlich und ununterbrochen

SPEISEZIMMER. AUSF: GROSCHKUS-BERlIN

MENLOSIGKEIT

JAPANISCHE KUNST

fließenden Natur seien, sodaß der Künstler fast über-
all seine Darstellung unterbrechen könne und gerade eine
der alltäglichen Auffassung der Dinge zum Spott ge-
schehene »Unterbrechung« öfters sogar die Wirkung
habe, auf den wesentlichen Zusammenhang der
Dinge hinzudeuten. . . Die Natur kennt keine »Ab-
schnitte«. Wie man auch die Natur abschneiden mag, so
deuten alle Abschnitte doch immer auf die ganze Natur
hin. Die Natur ist sowohl der Ausdehnung nach als auch
zeitlich ununterbrochen fließend, sodaß der Künst-
ler sie notwendig nach Beheben »ausschneiden« muß.
Diese Auffassung liegt der japanischen Kunst zugrunde. .



Unsere ästhetische Vorstellung will sich gerne frei,
man kann vielleicht sagen einigermaßen willkürlich ent-
faltet sehen. Gerade die »Rahmenlosigkeit« ge-
winnt hierin eine Berechtigung, weil sie unserer Einbil-
dung keine Schranke setzt. Sie gewährt andererseits
auch dem Kunstwerk sozusagen eine Art Freiheit, in dem
sie dasselbe auf den wirklich gegebenen Raum nicht ein-
schränkt, sondern es, wenn es ihm gefällt, fast überallhin
übersiedeln läßt. . Die »Rahmenlosigkeit« ist also der
allgemeinste Stil unserer Kunst, von ihr aus kann man die
eigentümlichen Details unseres Kunststils erklären: z. B.,
warum die Linienführung bei der Malerei von so
großer Wichtigkeit ist.......tsuneyoshi tsudzumi.
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