Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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GEDANKEN ÜBER TRADITION

VON ARCHITEKT Dr. ALFRED WENZEL

teilt man einmal Betrachtungen an über das Wesen Die Impulse, die sie in ihm auslösen, regen den spähen-
dessen, was wir »Tradition« nennen, so fallen vor den Intellekt gar nicht so weit an, daß er sie in den Blick-
allem anderen zwei Tatsachen auf: es gibt eine wahr- punkt des Bewußtseins zu heben genötigt wäre: sie sind
hafte Tradition und es gibt neben ihr eine andere, un- ihm selbstverständlich. Tradition ist Selbstverständ-
wahre, die aber vielfach für die echte gehalten wird, lichkeit: der traditionsvolle Mensch fühlt ein So-Sein
wodurch eine Verunklärung des eigentlichen Sinnes ent- und er fühlt, daß dieses Sein gut ist so, wie es ist, ja er
steht. Die zweite Tatsache besteht darin: daß sich uns fühlt noch etwas mehr: daß es nur gut ist so, wie es ist. . .
wahre Tradition in ihren Wesenszügen nur erschließt, ★

wenn — wir sie nicht haben. Das klingt nach apho- Zwei neue Momente erhellen sich daraus: daß »Tra-
ristischer Zuspitzung, kennzeichnet aber nur einen Sach- dition« sich also auf die Form eines Seins bezieht, und
verhalt. Denn: man entschließt sich zu untersuchenden daß sie, einem lebendigen Sein auf das Allerengste ver-
Erwägungen nur, wenn das Gefühl einer Notwendigkeit knüpft, selbst etwas Lebendiges bedeutet. Sie stellt
dazu anregt; wir würden keinerlei Anlaß verspüren, über nicht einen Kodex von Satzungen dar, die einmal fixiert,
das Wesen der wahren und falschen »Tradition« zu generationsweise weitergegeben werden; sie ist nicht
reflektieren, wenn wir die echte besäßen. Nur dadurch, Festlegung unter Verpflichtungen, ja sie bedeutet nicht
daß wir sie nicht haben, wird uns — dem einen früher einmal Respektierung irgendwelcher Formen, sondern
als dem anderen — irgendwann ein Mangel fühlbar, der sie ist selbst: Lebensform: als eine nicht zu verken-
sich zur Uberzeugung verdichtet und uns dazu führt: nende Art der Prägung, in der ein Lebensgefühl spür-
gerade aus der Erkenntnis jener Momente, die uns fehlen, baren, sichtbaren Ausdruck gewinnt. Als lebendige Form
die uns aber andererseits für die Sicherheit einer kul- ist sie, wie alles Leben, wandelbar, aber in jenem posi-
tureilen Haltung wesentlich fundierend bedünken, soweit tivsten Sinne, welcher nur Modifikationen an der
uns in diesen Dingen noch intuitiver Drang leitet, Sinn Oberfläche eines Dauernd-Gültigen beinhaltet. . . .
und Bedeutung der »Tradition« deutlich zu machen. Das unterscheidet sie von den starren Bindungen, die
Dem wirklich traditionssicheren Menschen würde eine als »Konservativismus« und »Konvention« im Leben eine
solche Klarlegung weniger leicht gelingen, die Charak- Rolle spielen können: der konservativ-konventio-
terisierung ihrer einzelnen Momente würde ihm schwer nelle Mensch ist formgebunden, der Mensch tradi-
fallen, denn — und damit schreiten wir bereits zur Kenn- tions voller Prägung ist form erfüllt. Und seine Aus-
zeichnung, — sie sind ihm nicht einzeln deutlich, drucksäußerungenerhaltendadurchjenegleichesichere
und auch der Resultierenden dieser Kraftkomponenten Selbstverständlichkeit, mit der er seine innerliche Ver-
und ihrer Wirkungsäußerungen ist ersieh nicht bewußt, fassung empfindet: sie sind gleich weit entfernt von erstarr-
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