Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

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ARCH1T. MAX ERNST HAEFEL1-ZÜRICH SCHLAFZIMMER EINER FÜNFZIMMER-WOHNUNG

DER NEUE I

Es steht heute unzweifelhaft fest, daß die neue
Bewegung im Wohnbau (Außen- und Innen-
bau) nicht aufzuhalten ist. Sie kommt mit man-
cherlei dumpfen, aber desto stärkeren Kräften ein-
her. Sie hebt als Schild eine Ideologie, gegen die
sich sehr vieles einwenden läßt; aber hinter die-
sem Schild steht eine echte geschöpfliche Kraft.
Wir wissen von ihr, noch ehe sie unseren Verstand,
unser bewußtes Urteil völlig überzeugt hat; unser
Auge, unser Gefühl stimmt ihr zu. Und gerade
darin, daß diese Bewegung die undurchleuchteteren
Schichten unsres Wesens anspricht, liegt die Ge-
währ dafür, daß in ihr echter Trieb, echte Berufung
wirkt: »Trieb«, das heißt ein Treiben von Ge-
schichte, von Verwandlungsmacht. Wir können
nicht wissen, worauf es dabei letzthin »abgesehen«
ist. »Sehen« ist in kritischen Zeiten unsres Amtes
nicht, sondern Mitgerissenwerden und Handeln. Als
Akt des Handelns, nicht des Sehens (d. h. des
Prophezeiens) will es genommen werden, wenn
wir im folgenden einige Wesenszüge des neuen
Innenraumes zu bestimmen suchen. Denn so sehr
die Sache dieses neuen Innenraumes noch um-

NNENRAUM

kämpft sein mag: er steht bereits mit bestimmten
Merkmalen in unserer Vorstellung, er hat schon eine
innere Wirklichkeit; und dies nicht erst seit heute.



SYMMETRIE: Der neue Raum lehnt jede vor-
dergründige Symmetrie ab. Er wehrt sich gegen
das »Pendant«. Er sucht eine lockere, freie Ord-
nung. Ordnung und Symmetrie waren früher fast
gleichbedeutend (ähnlich wie man in der Dichtung
öfters Rhythmus mit Metrum gleichgesetzt hat).
Der neue Raum will nicht symmetrisch, sondern
rhythmisch sein; und dies nicht im Sinne eines
verselbständigten, eigenwertigen Rhythmus, son-
dern im Sinne eines Anschlusses an die freie Rhyth-
mik des Menschen, also des Lebens im Bewohner.
Hat das Leben des Menschen im Raum keine
Rhythmik? Es hat deren ganz gewiß ebensoviel
wie die dichterische Seele in der freien Wortbe-
wegung; und wie diese im »freien Vers« zu einer
rhythmischen Gestalt von besonderer Fülle und
Belebtheit führen kann, so kann auch der durch
das Menschenleben rhythmisierte Raum eine zwar
freie, aber durchaus festgefügte Ordnung erzielen.
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