Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

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GÜNTER HIRSCHEL-PROTSCH- BRESLAU BETTNISCHE IM DAMEN-SCHLAFZIMMER

»VOM NEUEN STIL«

EINIGE FRAGEN UND ANTWORTEN

Das Ideal des neuen Stils scheint der »Puritanismus« »Ich sehe aber nur die Möglichkeit des Puritanertums,

zu sein?«. . Wenn zwei moderne Architekten zu- da wir doch keine Formen mehr haben«. . Wir haben

sammenkommen und eine Diskussion über den »neuen aber vieles andere. Man kann nicht immer pathetisch

Stil« beginnen, so suchen sie sich gegenseitig in An- leben, Konsequenz führt zu pathetischer Eindeutigkeit,

spruchslosigkeit »herunter zu lizitieren«. Der eine braucht die unbrauchbar ist, wenn sie der Stätte unseres täg-

kein Dach mehr, der andere braucht keine Gesimse mehr; liehen Lebens den Charakter geben soll. Man lasse jedem

der eine braucht keine Sessel mehr, der andere braucht Menschen seine Sentimentalität, die zum Leben gehört

keine Lampen mehr; der eine braucht keine Stoffe mehr, und sich meist in persönlichen Erinnerungen ausdrückt. .
der andere braucht keine Farben, da diese dem indi- ★

viduellen Luxus dienen und den Raum mit ihrem Ich er- »Bringt nicht die neue Konstruktion die neue Form?«,

füllen. . Nur darin sind sie sich einig, daß ihnen zur Befric- Sie macht neue Formen möglich. Neue Konstruk-

digung ihrer körperlichen und geistigen Bildung die einzig tionen werden erfunden, wenn man sie braucht, — aber

modernen Institutionen des »Dancing« und der »Revue« der Wille zur neuen Form ist davon im Grunde unab-

genügen. Savonarola hätte kaum Freude an ihnen gehabt, hängig. Die Freude an der Betonung einer jeden

* Konstruktion in unserer Zeit beruht darauf, daß ein

»Ist dies nicht ein Ausdruck des »Kollektiv- jeder glücklich ist, sie zeigen zu können, — um einen

Geistes?«. Er kann es werden, —ist es aber nicht, festen Anhaltspunkt für seine hin- und herschwankende

Es ist der Ausdruck höchster Eitelkeit und größtenEgois- Persönlichkeit zu haben. . Dr. josef frank (in d»r »Baukunst«).
mus, der seinem Nächsten nicht vergönnt, was er selbst *

nicht braucht, wohl aber darauf achtet, daß man ihm TVTICHT um die konkrete historische Persönlichkeit des

nichts nimmt. Denn der Puritaner hält sich für den weisen 1 > Künstlers handelt es sich bei der rein ästhetischen

Diogenes, gleicht aber eher dem Cato, der auf seine Betrachtung des Kunstwerks, sondern um die ideelle

Tugend der Sparsamkeit stolz ist, weil er seine alten, un- Persönlichkeit als den fiktiven Träger des im Kunstwerk

brauchbar gewordenen Sklaven als Fischfutter verkauft, objektivierten künstlerischen Willens. . Dagobert frey.
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