Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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DER GEIST DES NEUEN WOHNENS

VON ALEXANDER KOCH

Vor vierzig Jahren, als ich den Wunsch empfand,
mich über Wohnungskunst zu orientieren, gab es in
Deutschland und dem Ausland keine Literatur, die die
Sache der Wohnkultur in ernst zu nehmender Weise ver-
trat. Denn die Erkenntnis, daß die Sache des Wohnens
jeden einzelnen Menschen persönlich angehe, war noch
nicht durchgedrungen. Der Fachmann, der Spezialist
beherrschte auf allen Gebieten das Feld; so auch auf dem
der Wohnungs-Eimichtung. Man richtete seine Woh-
nung nicht selbst ein, sondern man ließ sich vom Spezia-
listen einrichten. Wie man zum Arzt ging, wenn man
krank war, so ging man zum Dekorateur, zum Möbel-
fabrikanten, zum Tapezierer, wenn man ein eigenes Heim
zu gründen gedachte. Innenarchitekten im heutigen Sinne
gab es damals noch nicht. Daß das Beste dabei der Be-
wohner selbst tun muß, darüber herrschte noch keine
Klarheit. Kurz und gut, als ich mich nach einer Zeit-
schrift umsah, die in populärer Weise die Sache des
schönen, gepflegten Heims behandelt hätte, da fand ich
weit und breit nichts vor, weder in England noch in
Frankreich. Und dies war der Grund dafür, daß ich
meine Zeitschrift »Innen-Dekoration«, die jetzt bald
ihr 40 stes Jahr erreicht, ins Leben rief. In ihr konnte ich
zum erstenmal jenen Gedanken vertreten, der eigentlich
der Grundgedanke meiner heutigen Berufstätigkeit, als
Herausgeber von Kunst-Zeitschriften und Werken auf
den verschiedensten Gebieten der Wohnungskunst ist:
»Brücken zu schlagen« zwischen der Kunst und dem
Leben, die Kunst aus der Einsamkeit der Ateliers zu
erlösen und sie in den Dienst des Menschen zu stellen.

Damit verband sich ohne weiteres der Gedanke, das
Verständnis für die Arbeit der Künstler zu wecken
und jedem Einzelnen einzuschärfen, daß Kultur nur aus
dem tätigen Zusammenwirken Aller entstehen
kann. Deshalb hat sich meine Tätigkeit als Herausgeber
und Verleger stets an die Künstler und das Publikum zu-
gleich gewendet. Und gerade vor der Frage der W o h n-
kultur wird klar, wie wichtig es ist, daß das Publikum
am Schaffen der Künstler verstehenden Anteil nimmt. .



Denn alle Mühe um eine deutsche Wohnkultur ist
verloren, wenn nicht zweierlei geschieht: es muß in jedem
Menschen das persönliche Bedürfnis nach einem
schönen, gepflegten Heim geweckt werden, und es muß
jeder in seinem Geschmacksurteil so weit kommen, daß
er selber Gutes und Schlechtes, Form und Unform unter-
scheiden kann. Nicht oft genug kann wiederholt wer-
den, daß »gut wohnen« nicht eine Frage der Geldmittel,
sondern zu allererst eine Frage des Geschmackes ist.
Eine Frau, die Sinn für eine schöne Häuslichkeit hat,
bringt mit geringem Material reizvolle Wirkungen zu-
stande. Eine andere, die diesen Sinn nicht besitzt, gibt
unter Umständen viel Geld aus und kommt doch zu kei-
nem Ergebnis. In Ateliers, in Dachwohnungen sieht man
manchmal mehr raumbildenden Geschmack am Werk als
in Palästen. Denn es kommt ja zunächst vor allem auf
schöne Verhältnisse, auf richtige Beziehungen an,
nicht auf Kostbarkeit des Materials an sich. Man kann
eine geschmackvolle Wohnung nicht »kaufen«, wie man
ein Fahrrad oder einen Spazierstock »kauft«. Das Beste

1928.1 5.
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