Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

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PROFESSOR HEINRICH STRAUMER DURCHBLICK INS BILLARD-ZIMMER

HAUS-BAU UND HAUS-FREUDE

EINE WANDERUNG DURCH EIN EIGENHAUS

Jüngst zeigte mir ein Mann sein neu erbautes Haus.
Ein schönes, wohlgeordnetes Heim vom Keller bis zum
Trockenboden; aber das Schönste dabei war nicht das
Haus, sondern die urbehagliche, schöpferische Freude
des Mannes, der dieses Haus gemeinsam mit dem Archi-
tekten in vielen Stunden des Nachdenkens und Entwer-
fens selbst hervorgebracht hatte. Er erklärte beim Durch-
wandern, er begründete; aber was er erklärte, war kein
totes Ding, sondern sein Erklären war eine Art Dichten,
denn es rief bei jeder Tür, jedem Apparat den leben-
digen Gedanken hervor, der gerade zu dieser Grund-
rißführung, zu diesem Durchblick, zu dieser Fenster-
höhe usw. geführt hatte. Dieser Mann war wirklich in
seinem Haus »zuhause«. Er wußte um den Sinn jeder
Einzelheit, er hatte alles bedacht. Er hatte sich völlig
in das werdende Heim eingefühlt, einmeditiert und schon
ehe es da war, seine »Erfahrungen« mit ihm gemacht. .

Dann kam der Tag, an dem mit dem Ausheben des
Grundes begonnen wurde. Das Haus wuchs aus der
Erde, mit dunklen Klinkermauern, deckte sich mit dunk-
len, festen Ziegeln, schmückte sich mit weißen Fenster-
rahmen; der Garten ebnete sich, die Blumen begannen

zu wachsen. Dann war alle Arbeit der Handwerker
vollendet, und der Bewohner konnte mit der Ernte seines
langen Mühens, das freilich ein schöpferisches Mühen
und daher eine ständige Freude gewesen war, beginnen.

Da kommt morgens die Sonne ins Frßhstückszimmer,
deren Türen nach dem Blumengarten weit offen stehen.
Mittags gibt sie, von den nahen Waldbergen her, dem
großen Dielenraum Licht und Wärme, Abends leuchtet
sie noch einmal ins Arbeitszimmer und vergoldet dessen
Wände. Im Haus wie im Garten ist zu jeder Tages-
zeit ein Platz mit Sonne und ein Platz mit Schatten
zu haben. Der Blick auf die Berge steht schön und weit-
geschwungen in vielen Fenstern. Dem alten Apfelbaum
ist sein Platz auf der niederen Kiesterrasse sauber aus-
gespart und mit einem regendurchlässigen Gitter bedeckt.
Er lebt, weil ein vorsorgender Gedanke an ihn gedacht
hat, und wie er lebt das ganze Haus, weil Liebe es ge-
fügt hat, weil in jedem seiner Winkel nicht bloß »Ein-
gebung« sondern Arbeit und befestigender Geist steckt.
Ich will da nicht an die elektrische Waschmaschine denken,
die für 60 Pfennige Strom acht Stunden lang kocht und
schafft und reinigt, auch nicht an die praktische Zwei-
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