Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

WERKSTÄTTEN HAUS & GARTEN-WIEN POLSTER-ARMSTÜHLE IM HAUSE H. u. M. B.

DAS VERMENSCHLICHTE MASS

Oft ist in neuester Zeit darauf hingewiesen wor- Menschen überhaupt einstellt und weil es zweitens
den, daß der moderne Innenraum sich enger mit einem neuen Menschen zu tun hat; mit einem
und spezieller an den bewohnenden Menschen an- aktiveren, befreiteren Menschen, dem Beweglich-
schließen will. Er entspricht damit jener allge- keit Pflicht und Bedürfnis ist und dem daher
meinen Tendenz der Gegenwart, die man die »rela- schwere, träge und unübersichtliche Massen in der
tivistische« genannt hat und die in allen möglichen Wohnung störend sind. Das massige, zur Kunst-
Wissens- und Schaffensbereichen unseren Blick gestalt erhobene Mobiliar ist Ausdruck einer Zeit,
auf genaue Beachtung der im konkreten Fall gel- da der Mensch sich gerne in eine objektive, wider-
tenden »Relation« gelenkt hat. Zuordnung stehende Welt eingebettet fühlt. Das moderne
und Beziehung sehen, den einzelnen Fall klar Mobiliar ist Ausdruck einer Zeit, da der Mensch
bestimmen — das ist uns zur Pflicht gemacht. . sein Ich und seine Herrschaft kräftiger fühlt, als

* eine Art von Pionier auf die Dingwelt ein-

Der moderne Innen räum trägt dem insoferne dringt und mehr seine Eigenbewegung betont als

Rechnung, als sein Mobiliar sich in den Maßen den Widerstand, der sich ihr entgegensetzt. . w. m.

und Massen genauer, gleichsam achtsamer und ★

gewissenhafter zum Menschen stellt. Während der T TNSERE WELT. Ein jeder redet von der Go-
neue Raum sich gerne ausdehnt, streben die Ab- V_J tik, von der Antike als von einer Sache oder
messungen der Möbel darnach: faßlicher, hand- von einem Zustand, den er kennt. Aber in Wirk-
licher, beherrschbarer zu werden. Man täuscht lichkeit ist uns keine Vergangenheit in ihrem An-
sich, wenn man dies nur als Ausfluß einer vagen, sich-Sein bekannt, sondern nur unsere Vorstellung
nüchternen Zwecktendenz auffaßt: Beachtung der von ihr. . Wir »kennen« im Grunde nichts als
Relation ist Weltanschauungssache, und zwar in die Welt, in der wir leben: die Aufgaben, die
dem sehr ernsten Sinne, daß ohne sie die Welt- uns in erster Linie gesetzt sind, die Bedingungen,
Wahrheit der Gegenwart nicht gefaßt werden kann, unter denen wir zu arbeiten haben. Und das ist
Das Mobiliar wird heute leichter, praktikabler, Kenntnis genug, Grundlage genug für das Werk,
dienender, weil es erstens sich genauer auf den das von uns verlangt ist.....wilhelm michel.
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