Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

ENTWURF: GOTTFRIED HUBER-ZÜRICH WOHNZIMMER. AUSST. »DAS NEUE HEIM«

GEDANKEN ÜBER KUNST

A lle Zeiten, die der Kunst verloren gingen, waren griff und erledigt das Zufällige als Sonderfall. Sie
l \ solche, in denen sie als ein Erlernbares galt, schmilzt den Reichtum und die Mannigfaltigkeit
und in denen die Regel, das Gesetz, das Kunst- der Welt nieder zu löslicher Einförmigkeit und
mittel, also die der ästhetischen Wirkung wider- kristallisiert daraus die farblose Formel. Auch sie
streitenden Prinzipien, galten. Die Entwicklung betrachtet das innere Gesetz; aber ihr Anschauen
der Kunst dagegen beruht auf der Flucht vor der der Gottheit ist zweckhaft, denn sie will ihr Ge-
Regel; indem verlassen wird, was seinen Schleier heimnis. Das Wesen der Kunst aber ist, wie das
verloren hat, und verfolgt wird, was sich verhüllt, der Natur und der Gottheit selbst, zweckfrei. . . .

Die Menschen eines Zeitalters schichten sich Wird eine natürliche Gesetzmäßigkeit bewußt

nach ihrer Fähigkeit des künstlerischen Genießens, erkannt, so entsteht Wissenschaft; das Verhältnis

die, abgesehen von jeder Veranlagung, durch einen zum Angeschauten wird ein intellektuales. Wird

nüchternen Erfahrungs-Faktor bestimmt wird. Ihr eine bewußt gewordene Gesetzmäßigkeit künst-

Genießen ist rückwärts oder vorwärts gewandt, je lerisch verwertet, so entsteht ein Kunstrezept, das

nachdem, was sie ästhetisch erfahren und erlebt Verhältnis zur Produktion wird ein mechanisches,

haben, und ob ihnen ein geheimes Gesetz als ver- Deshalb ist die Flucht vom Erkannten zum Uner-

borgen oder enthüllt entgegentritt. Es entsteht kannten die Geschichte der Kunst; was gestern mit

eine Ästhetik der Zurückgebliebenen und intuitivem Blick erschaut, mit ungewöhnter Hand

eine Ästhetik der Vorschreitenden. . . . geformt wurde, ist heute Kunst-Auffassung und wird

Kunst schafft und beseligt, — Erkenntnis ordnet morgen zum erlernbaren Rezept, zur toten Hand-

und besänftigt. Der Wissenschaft ist Ahnung mit fertigkeit. Und deshalb ist nach Goethes Wort

Unklarheit gleichbedeutend und daher zuwider, »Das Gute stets das Neue«, deshalb ist Kunst ewig

sie verlangt deutliche Frage und entschiedene jung wie Natur und der produktive Mensch ein stets

Antwort. Sie verflüchtigt das Sinnliche zum Be- sich verjüngender. . walther rathenau (»Ästhetik«).
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