Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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XXXIX. JAHRG. DARMSTADT SEPTEMBER 1928

ARCHITEKTUR, INNENRAUM UND MÖBEL

EINIGE BEMERKUNGEN ZUR NEUEN ENTWICKLUNG

Ob es sich um ein Bauwerk, einen Innenraum
oder die Möblierung eines solchen oder gar um
den kunstgewerblichen Entwurf eines Gebrauchs-
gegenstandes handelt: die heutigen Probleme der
Gestaltung werden in den prinzipiellen Gesichts-
punkten absolut ähnlich sein. Zweck-Erfüllung,
Sachlichkeit, Wirtschaftlichkeit sind die üblichen,
heute geläufigen Schlagworte. . Neben diesem
handelt es sich aber immer und gleichzeitig, viel-
leicht in erster Linie um das Ästhetische. . Aber
ohne in solchen Betrachtungen Zeilen zu verlieren:
das neue Möbel — eine Sache, bei der man mit
den bisherigen Mitteln des Entwerfens und Auf-
teilens nicht weiterkommt. Erstes Prinzip der bis-
herigen Innenräume und Möbel war die Erfüllung
der »Symmetrie«, mit Ausnahme eines absolut
zweckhaften Gebildes: das Sitzmöbel, der Stuhl.
Die neue Architektur des Möbels — die nicht
wie die neue Architektur des Baus etwa in Eisen-
beton-Formen sich ergehen kann und damit eine
Begründung in der heutigen Materialbeschaffenheit
finden könnte — wird aber auch ohne eine solche
Begründung zu anderen Ergebnissen kommen, so-
bald sie die Symmetrie in der Erscheinungsform
aufgibt. Auch beim Möbel gibt es kaum einen Fall,

1928. IX. 1.

bei welchem die Forderung nach »Achsialität« be-
rechtigt sein könnte. Jedenfalls steht die Befrie-
digung und Erfüllung des Zwecks und des Sinns
eines Möbels stets gegen eine solche Achsialität.
Wenn dabei versucht wird, neue Materialien,
wie vielleicht dünne Sperrplatten oder Glas, Zel-
luloid, Pappe, Blech, Stahlrohre usw. für das zu-
künftige Möbel zu verwenden, so wird von selbst
ein weiterer Grund für eine andere Erschein-
ungsform als die des Biedermeier, der Klassik
oder Antike, kurz der Tradition gegeben sein.
Das Möbel überhaupt wird zukünftig im Raum
immer weniger die Bedeutung haben, die es bisher
eingenommen hat. Die Wohnlichkeit, die Festlich-
keit oder die Leichtigkeit eines Raums wird zu-
künftig weniger von dem Möbel selbst als von der
räumlichen Disposition, von der Fenstergröße, von
der Verbindung und dem Zusammenfließen des
Raums mit den übrigen oder mit dem Garten und
der Außenwelt abhängen. . Das allerschwierigste
Kapitel Möbel ist wohl das des Sitzmöbels, des
Stuhles. Wenn Adolf Loos schon vor Jahren ge-
äußert hat, daß diejenige Stadt, die ein »Stuhl-
Museum« begründen wollte, eine ganz besondere
Bedeutung in kultureller und soziologischer Hin-

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