Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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ÜBER FLIEHENDE GEWÄNDER UND FALTEN IM WINDE

EIN VORTRAG

VON

Dr. GOTTFRIED SCHADOW
AUS DEM NACHLASS HERAUSGEGEBEN VON HANS MACKOWSKV

Unter den mancherlei Schwierigkeiten, womit
wir Künstler zu kämpfen haben, gehören
insbesondere die fliehenden Gewänder. Falten
haben an sich weder Leben noch Bewegung, keine
Leidenschaft findet dabei statt und dennoch ist
nach der Meinung einiger Künstler fliehendes
Gewand der Probierstein des Genies und die natür-
liche Darstellung schwebender Falten der Beweis
einer deutlichen und glücklichen Phantasie.

Zu einer ruhigen bekleideten Figur kann man
sich ein Vorbild machen. Entweder ist eine lebende
Person so gekleidet oder wird vom Künstler nach
seiner Idee bekleidet oder er bedient sich des
Mannequins (der Gliedergruppe), und obwohl weder
bei dem einen und dem andern die Falten sich ganz
nach seinem Wunsche werfen, so ersetzt er durch
inneres Schönheitsgefühl und Beurteilung das Man-
gelhafte.

Wenn Falten oder Gewänder durch den Wider-
stand der Luft in Bewegung gesetzt werden, so sind
beide hier erwähnte Hilfsmittel nicht mehr ver-
wendbar.

Vollkommen gut sind diese Vorbilder, um da-
nach den Charakter des Gewandes zu studieren.
Unter Charakter versteh ich hier (der ich als Bild-
hauer alles gerne mit Händen greifen mag) den
eigentümlichen Bruch der Falten jeder Art von
Zeuge: in dicken wollenen die breiten runden
Falten, in seidenen die viele Luft fassende triangu-
läre scharfe Brüche usw.

In einer meiner vorigen Reden über den Michel-
angelo hab ich gezeigt, dass er so ein Verächter
alles Gewandes war, dass es ihm nie einfiel, irgend-
eine besondere Art von Zeug vorstellen zu wollen;
deshalb auch die Falten bei ihm meistenteils ganz
phantastisch sind. Es ist leicht einzusehen, dass es ein
eigenes Studium ausmacht, sowohl diese verschie-
denen Zeuge richtig darzustellen, es sei nun in der
Malerei, in der Skulptur oder Kupferstecherkunst,

als auch solche auf eine schickliche. Art anzubringen,
wozu freilich die Kenntnis des Kostüms wenigstens
solcher Völker nötig ist, die bisher im Gebiete der
Kunst Vorwürfe geliefert haben.

Unter Kostüm verstehen wir die Sitten, Ge-
bräuche und Trachten jeder Nation, insbesondere
jedoch wird in der bildenden Kunst meist nur: die
Trachten darunter verstanden. Nun ist das ein so
weites Feld, dass es einem mit der halben Welt zu
schaffen macht. Auch hebeich für heut sozusagen:
nur einen Zipfel aus der ganzen Künstlergarderobe
heraus, obwohl in der Praktik oder in der Aus-
führung den schwersten.

Wenn Falten in eine schwebende Bewegung
kommen, so kann dies auf zweierlei Weise ge-
schehen. Einmal durch die Bewegung der beklei-
deten Person selbst, es sei nun im Gehen, Laufen,
Wenden, Tanzen oder Springen, das andere Mal
durch die Bewegung der Luft oder den Wind; in
beiden Fällen gilt dasselbe Prinzip, nämlich der
Widerstand der Luft. Dieser Widerstand der Luft
ist natürlich beim Winde am deutlichsten, und
darum hab ich diesen Moment gewählt, weil ich mir
schmeichle, meine Bemerkungen über schwebende
Gewänder dadurch deutlich machen zu können.

Es ist vielleicht ein Übel zu nennen sowohl in
der Kunst als auch überhaupt in der Philosophie,
dass, um allgemein geltende Prinzipien aufzustellen,
man immer zu individuellen Subjekten zurück-
kommen muss. Teils geschieht das, um die An-
wendbarkeit eines solchen Prinzips zu zeigen, teils
auch um dessen Geburt und Herkommen zu er-
weisen.

Meine werten Zuhörer und meine schönen
Zuhörerinnen, ich rate Ihnen, sich mit mir in die
Werkstatt des Künstlers zu verfügen. Wir werden
sehen, was in seinem Kopfe vorgeht, wir werden
sehen, was seine Hände machen.

Ein Freund des Schönen, der zugleich ein

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