Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 11.1913

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Der Britz hat an mehreren
Orten eingeschlagen unter
anderm in eine Trinkhalle
wo einer Frau der Arm
abgeschlagen wurde.

Bei mir triefen noch
die Plafonds. Das Wasser
musste gestern aus den
Zimmern scheffelweise
entfernt werden. Nur der
Brief blieb ziemlich trok-
ken.
Verehrtester Freund/

Sonntag d. 3. Juni $3.
Lieber Freund/

So eben erhielt Ihr Lie-
bes. Im Geiste sah ich
heute Morgens Sie bei
hellstem warmen Sonnen-
schein (wie heute hier) am
Danirak mit ein paar
Minhers im eifrigsten
Gespräche gehen — Sie
"Guten'' wie Sie Lübke in
der Allgemeinen v. 31. Mai
Beilage ijo nennt —■ ich
ahne nemlich, dass er Sie
meint- — Sie aber ahnten
es vermuthlich nicht —
körperlich wohl in dem
herrlichen Sonnenschein—
dass in der Ferne schon
wieder ein ganz kleines
Gewitter wetterleuchtete,
und dass man an der Spree
Ihrer so herablassend ge-
dachte von Seite des
Kunst gelehrten Generalstabs.

Dagegen schicke ich Ihnen von der lsar (da ich in-
folge meines Fussleidens seit mehreren Tagen das Zim-
mer hüten muss, und nirgend hinkomme wo ich was
Neues erfahre) unter heutigem und Kreuzband ein harm-
loses Stück Neueste Nachrichten, wo sie im Feuilleton ein
paar Notizen über Max u. Lenbach finden und nach-
dem Sie es durchlaufen, können Sie damit noch einer
Münchener Kellnerin dort bei einer frischen „Halbe
Bier" Heimweh und Herzbrechen machen, denn
„Amsterdam ist halt doch kein München" denkt sie ge-
wiss im Herzen, wenn sie auch das Sprichwort tibi
bene etc. kennt.

Heute Sonntag prangt, wie ich gerade höre im

KARL SPITZWEG, DER BIBLIOTHEKAR

SAMML. UGHTENSTEIN, WIEN

Kunstverein ein ziemlich
grosses Bild von Mathias
Schmidt--------abgefalle-
ne Edelweiss- Brecherinn

— 2 Figuren — sie liegt
mit blutigefit Haupte un-
ten (ob tod?) — der Bur-
sche naht oben (als Ret-
ter?). Desgleichen diese
Woche wieder ein Weng-
lein — vorige Woche 2.
Dann bedeutendere Bilder
von Kosakeewiz u. s. f.
Bach der mir referierte,
wohnt in der Bayerstrasse
vis a vis dem Bahnhofe

— er sagt: in diesen letz-
ten Tagen war der Trans-
port der ankommenden
Bilder zur Ausstellung so
gross,: dass man wohl
einen babylonischen Turm-
bau damit fertig bringen
könnte !"

Ihr lieber Brief hat
mich sehr erfreut und
noch mehr freue ich mich
darauf aus Ihrem Munde
Manches zu hören wenn
sie gesund und heiter wie-
der zurückgekehrt sind.
Besonders hat mir das Bild
gefallen dass die Schnör-
keln am Rats Keller in
Bremen versteinerte

„Rosendüfte" etc. sind.
Halten Sie für Ihre Reise-
beschreibung gewiss den schönen Gedanken im Gedächt-
nis; 7}}an möchte ihn malen, breiter dichten etc. etc.
„Repetitscbs orolotels" soll im Holländisch eine Repetir
Uhr genannt werden hab ich einmal gehört — klingt
beinahe wie ein Fluch — wenn ich Ihnen noch langer
mit meinem Geschreibsel Ihre Zeit stehlen wollte könn-
ten Sie in Versuchung kommen diesen Fluch auch zu
versuchen bei Ihrer kostbaren Amsterdamer Zeit. Des-
halb schliess ich Sie herzlich grüssend und Ihrer glück-
lichen Wiederkunft harrend Ihr Spitzweg
Verehrtester Freund! M. d 16 Sept Sf
Ihre liebes das ich so eben erhielt, kommt mir so
schön vor wie eine Lamentation in der Sixtina am
Grün Donnerstag, nur sind die Lamentationen dort

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