Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 11./​12.1929/​30

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/ahrgang 1929 1/2 Sepfcemberiieft

Objektive Gtxxndlagen zuv Beurteilung altev Gemälde

von

Qufiao ölückslüien

JPur die Kunstgeschichte als Wissenschaft ist es von

hoher Bedeutung, daß die Kennerschaft, die ohne
Zweifel eine ihrer wichtigsten Grundlagen bildet, von
der bisherigen Subjektivität befreit und möglichst von
objektiven Kriterien abhängig gemacht werde. Ver-
suche nach dieser Richtung hin sind schon vor langer
Zeit von hervorragenden Kennern gemacht worden, die
die Unsicherheit rein intuitiver Erkenntnisse gefühlt
haben, so etwa gleichzeitig von Morelli, dessen nicht
immer glücklich angewendete Methode auf der Verglei-
chung charakteristischer Eigentümlichkeiten der künst-
lerischen Handschrift beruht, und von Schreibier, der
seine Bestimmungen in ähnlicher Weise durch Zusam-
menstellung der übereinstimmenden Einzelheiten der
Formengebung und der Färbung zu begründen suchte.
Hier liegt schon ein gewisses Streben der kunst-
geschichtlichen Forschung vor, es der naturwissen-
schaftlichen gleichzutun. Doch führen jene — im
wesentlichen doch noch subjektiven — Vergleichungen,
so nützlich sie zur Ueberprüfung intuitiver Erkenntnisse
sind, nicht immer zu untrüglichen Ergebnissen, was an
manchen Beispielen erläutert werden könnte. Einen
neuen Weg weisen uns aber die heutigen Methoden
naturwissenschaftlicher und besonders medizinischer
Untersuchung. Sie haben zur Prüfung alter Gemälde
mit Hilfe der Roentgen-Strahlen und der Quarzlicht-
lampe geführt.

In Wien hat schon während des Krieges Max
Dvorak in der vollen Ehrlichkeit seines Strebens nach

objektiver Erkenntnis wichtige Anregungen nach die-
ser Richtung hin gegeben und, im Technischen unter-
stützt von dem Roentgenologen Dr. J. Robinsohn und in
anderer Hinsicht von dem Schreiber dieser Zeilen, eine
Anzahl von Roentgen-Aufnahmen alter Bilder mit inter-
essanten Ergebnissen durchgeführt. Gleichzeitig oder
wenig später hat Professor Dr. Guido Holzknecht mit
dem vollen Gewicht seiner großen Autorität auf diesem
besonderen Gebiete in seinem Roentgenologischen
Institut Gemälde untersuchen lassen und damit diese Art
von Ueberprüfung auf eine streng wissenschaftliche
Grundlage gestellt, wobei ihm als Leiter dieser Abtei-
lung Dr. Spiegler und als Kunsthistoriker der in Restau-
rierungsfragen besonders erfahrene, an der Gemälde-
galerie im Kunsthistorischen Museum tätige Dr.
Johannes Wilde zur Seite stehen.

Was sich aus diesen roentgenologischen Unter-
suchungen ergibt, ist für die Aufgaben der Kennerschaft
außerordentlich wichtig. Wenn wir auch bekennen
müssen, daß uns auf diesem Gebiete die langjährige Er-
fahrung der medizinischen Beobachtung fehlt, weshalb
die Deutung der einzelnen Erscheinungen nicht immer
unzweideutig ist, so erhalten wir doch schon jetzt fast
volle Klarheit über den Erhaltungszustand alter Ge-
mälde durch jene Untersuchungen allein, ohne daß
Putzversuche durch den Restaurator vorgenommen
werden. Die Schicht alter Farben zeigt sich in dem
Roentgenlichte weit beständiger, als die der späteren
Uebermalungen. Man gewinnt also eine vollkommene

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