Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 17,2.1904

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kuncisckau

G Mit Karl Weitbrecht hat
das literarische Schwaben den Mann
verloren, der von allen Lebenden am
meisten dazu getan, die „schwäbische
Schule" über die Grenzen Württem-
bergs hinaus in Ansehen zu erhalten.
Vielleicht versuchte er zu viel dafür;
seiue Schätzung auch einiger zeitge-
nössischer württembergischer Poeten
ging höher, als daß man's im übri-
gen Deutschland so leicht verstehen
konntc, und seine kleine Literaturgc-
schichte betrachtet die Welt vielleicht
allzu eiuseitig vom Standpunkte des
Schwaben aus und dabei mit einer
kaum unbefangenen Abneigung gegen
„die Moderne". Hebt aber solche
Begrenztheit seine Vorzüge auf? Wie
viele haben wir denn unter unsern
heutigen Literaturhistorikern, die so
wie Weitbrecht ein Frohgefühl am
Dichterischen haben, an dem,
was Ausdruck des vollen Lebens
ist, im Gegensatze zu den Stoffhubern
und Formmciern? Er war seinem
ganzen Wesen nach Nachfolger seines
großen Vorgängers auf dem Stutt-
garter Lehrstuhle, Nachfolger Fried-
rich Vischers, Süddeutscher, Deutscher,
vvr allem doch: Germane in der
Kunstauffassung wie dicser. Als
Dichter ist Weitbrecht über seine
Heimat hinaus nie zu allgemeiuerer
Anerkennung gckommen, vcrdient
aber hätt' er sie auch als dcr.
Sein „Kalcnderstreit von Sindringen"
und besondcrs seine „Phaläna", die
Geschichte der Lciden eines Buches,
sind schr feine Schriften, und unter
scincn Gedichtcn sind einige, denen
ihre tiefc Jnnerlichkeit lange über
seinen Tod hinaus ihre besondere
stille Kraft bcwahrcn wird.

G Max Kretzer wurde am
7. Juni fünfzig Jahre alt. Wie
wenig hat man in unserer jubi-
läumsfrohen Zeit bci dieser Ge- j

legenheit des „deutschen Zola" ge-
dacht, wie still ist es von ihm ge-
worden, der M2, als sein Roman
„Die Betrogenen" herauskam,
so laut begrüßt wurde. Die junge
Dichtergeneration zählte damit auch
einen „Volksschriftsteller der Groß-
stadt" zu den ihrcn, der, aus Posen
stammend, früh nach Berliu gekom-
men, hart arbeiten und kämpfen
mußte, die Arbeiter aus eigener An-
schauung kannte und aus innerstem
Drange zur Schriftstellcrei kam. Als
dann ein Jahr später „Die Ver-
kommenen" erschienen, ein Roman,
der sich vor den Romanen der Gleich-
strebcnden durch klare Disposition
und Komposition, durch gcnaue
Kenntnis des Proletarierlebens und
seiner Nöte, sowie durch die mit-
fühlende Wärme des Tons auszeich-
ncte, da hatten wir den „deutschen
Zola", ein Epitheton, das zwar bün-
dig, aber nicht richtig war. Das
Gefühlsmoment tritt bci Kretzer weit
energischer hervor als bei Zola.
Zolas Theorie, man kann ja auch
sagen: Weltanschauung ist gänzlich
verschieden von den Anschauungen
Kretzers, der damals christlich-sozialen
Gedanken nicht fern stand. Wenig-
stens ließ er „Die Verkommenen"
zuerst in der Zeitung dieser Gruppe
erscheinen. Auch haben ihn immer
religiöse Fragen interessiert, was der
Art Zolas ganz ferne lag. Nur
eine gewisse Aehnlichkeit der Stoffe,
das Bestreben, eine Milieuschilderung
durch möglichst viel Einzelheitcu aus
ihm zu geben, und ähnliches kann
für einige Zeit zu jenem Epitheton
verführt haben. Auch als Gestalter
wie als Jntelligenzen lassen sich die
beiden kaum verglcichen. — Seine
Höhe erreichte Kretzer mit dem
„Meister Timpe" (j838). Heute
noch wirkt das Buch außerordentlich
stark, was man nur von wenigen

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1- Iuliheft ,904
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