Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKO RATION

man bis zum Halse versank. Ein Möbel, das gewiß
seine Vorteile hat, insofern es zu völliger, passiver Aus-
spannung einlädt. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß
gerade diese massige Schwere, diese Polsterung, in der
man passiv untersinkt, nicht mehr dem Geiste heutigen
Wohnens entspricht. Der ist auf bewegte, sportliebende
Menschen eingestellt, auf beschwingte Geselligkeit, auf
heitere Gruppenbildung, auf freien Verkehrs-Ton. . . .

Daraus ergibt sich nicht nur die leichtere Gestaltung
des Einzelmöbels, der bei aller Bequemlichkeit knapp
geformte Sessel, der graziöse Schemel, das Sitzkissen,
der schmale Tisch mit schlanker Stütze usw. Sondern
es ergibt sich auch daraus eine freiere Art der Kom-
bination, der Möbel-Zusammenstellung im Raum.
Man haftet nicht mehr ängstlich an der »Symmetrie«
der Wand-Aufteilung, sondern läßt sich eine unsymmet-
rische Einteilung der Möbel gern gefallen, sofern sie nur
geschmackvoll und liebenswürdig ist. Man klammert sich
auch nicht mehr peinlich an die buchstäbliche Uberein-
stimmung der Formen, wo früher zum Beispiel ein
bestimmtes Schmuck- oder Gestaltungs-Motiv an allen
Stühlen, an allen Sesseln, ja an Tisch und Vitrine, schließ-
lich sogar an Wandbekleidung und Gardine wiederkehren
mußte. Dieser schwerfällige Harmonie-Begriff wird heute
nicht mehr als verpflichtend anerkannt. Im selben Raum
kann sich Mobiliar aus verschiedenem Formgeist zusam-
menfinden, sobald man begreift, daß es nicht nur eine Har-
monie der wörtlichen »Ubereinstimmung«, sondern auch
eine Harmonie der Spannung, der Gegensätze gibt.
Da kann sich das Leichte mit dem Gedrungenen, das Ele-
gante mit dem Strengen sehr schön zusammenfinden; die
geschwungene Linie kann harmonisch der straffen und
geraden Linie begegnen, wenn Geist und Geschmack am
Werke sind, um diese Begegnung zu vermitteln. Ich
glaube, daß gerade diese freiere Harmonie des heutigen
Wohnraums in den Abbildungen des Werkes »Farbige
Wohnräume der Neuzeit«, das kürzlich in meinem
Verlage erschienen ist, sehr überzeugend zur Anschauung
kommt. So ist es heute nicht einmal mehr Gesetz, daß
um denselben Tisch herum immer nur ein und derselbe
Stuhl in beliebig vermehrter Auflage stehen müsse. Es
macht sich im Gegenteil sehr hübsch, wenn die Formen
der Stühle, der Sessel, der Sofas im gleichen Raum
wechseln, wie man das heute schon längst in jedem Hotel-
Vestibül sehen kann. Nur untersteht gerade diese Art
der Möblierung einem besonders sicheren und gutge-
schulten Geschmack! Aus der Abwechslung der For-
men entwickelt sich eine viel belebtere und reizvollere
Harmonie als aus der monotonen »Wiederkehr des Glei-
chen«. Man könnte zusammenfassend sagen, daß der
moderne Innenraum mehr eine Art »landschaftliche Har-
monie«, als eine streng-architektonische Harmonie an-
strebt. In der Landschaft finden sich ja auch die viel-
artigsten und gegensätzlichsten Einzeldinge in sehr freier
Bindung zusammen, und doch vereinigen sie sich zum

schönsten Gesamtbilde..................



Dieser freie Geist moderner Innen-Einrichtung schließt
insbesondere auch eine freiere Handhabung der Farbe
im Wohnraum in sich. Früher wurden mit Vorliebe
bestimmte Farbtöne im Innenraum durchgeführt; mög-
lichst viel Einheitlichkeit war die Losung. Heute trägt
man kein Bedenken, die Bezugstoffe der Sessel in an-
derer Farbe zu halten als die Stühle; ja man wechselt

die Farbe auch von Stuhl zu Stuhl und man leistet sich
sogarTden Scherz, die Rückseite der Sessel in anderer
Farbe zu geben als die Vorderseite; dazu werden häufig
starkfarbige Vorhangstoffe und Läuferstoffe gestimmt,
und an den Kastenmöbeln treten ebenfalls verschiedene
Farben auf, was besonders bei Ausführung in Schleiflack
möglich ist. Jedenfalls tritt häufig eine Tendenz zu leb-
hafter Farbenwirkung hervor, einer Farbenwirkung,
die gerne mit Kontrasten arbeitet und diese Kontraste
doch zu Akkorden zu binden weiß. Selbstverständlich
ist es durchaus nicht ästhetisches Gesetz, daß jeder Ein-
zelne diese Farbenfreudigkeit mitmachen müsse. Wer
zartere oder sattere Farbenstellung vorzieht, kann ganz
nach seiner Wahl verfahren. Aber jeder wird es begrüßen,
in der Farbe Spielraum zu haben und freimütig mit ihr
schalten zu können, ohne Ängstlichkeit und eng gebun-
dene Marschroute. Hat man einmal die Freiheit be-
griffen, die diese neue Art der Inneneinrichtung gewährt
hat man anhand guter Beispiele die vielfachen Möglich-
keiten studiert, die sie darbietet, so ist es eine Lust, ein
Vergnügen, nach ihren Direktiven zu verfahren. Immer
vorausgesetzt, daß man sich diejenige geschmackliche
Schulung angeeignet hat, die zur richtigen Ausnutzung

der Freiheit befähigt...................



Daß heute manche Innenarchitekten für die weiße
oder einfarbige Wand schwärmen, halte ich für ein
Privat-Vergnügen, das man nicht unbesehen nachahmen
sollte. Gerade eine frei entfaltete Wandfläche verlangt
eine farbige Behandlung, vermittelst einer gut gewählten
gemusterten oder uni Tapete. Sonst könnte sich leicht
eine Ermüdung des Auges einstellen. Wie ich schon
zuvor ausführte, ist in den deutschen Tapeten-Erzeug-
nissen ein solcher Reichtum an Farbtönen und Muster-
ungen gegeben, daß die feinsten Schwebungen des indi-
viduellen Geschmacks dabei ihre Befriedigung finden.
In einer Diele oder Halle wirkt eine weiße Wand sehr
gut. Im ganzen glaube ich also, daß dieser neue, freiere
Geist der Inneneinrichtung jedem die schönsten Mög-
lichkeiten bietet und daß er gerade durch seine Freiheit
den Anordnungen des Augenblicks sehr entgegenkommt.



Wie lang ist es her, da mußte jeder Raum mit allen
Einzelheiten das Werk eines und desselben Architekten
sein; sonst war er nicht einheitlich, sonst war er nicht
ästhetisch vollkommen. Welch eine Belastung für den
Möbelkäufer, welch eine Erschwerung der Aufgabe, ein
gepflegtes, behagliches Heim aufzubauen I Heute besteht
wieder — wenigstens in hoffnungsvollen Ansätzen —
die Möglichkeit, die einzelnen Stücke einer Wohnungs-
oder Raumausstattung einzeln, nach und nach zu
erwerben. Das bedeutet eine große Erleichterung, da es
nicht mehr auf das »buchstäbliche« Zusammenpassen der
einzelnen Stücke ankommt, sondern mehr auf den Ge-
schmack, der Verschiedenartiges harmonisch zu verbin-
den weiß. Es hat die langersehnte Stunde des Einzel-
möbels wieder geschlagen, und ich halte es für eine
wichtige Aufgabe der Möbel-Industrie, der Fabrikation
zweckmäßiger und formvollendeter Einzelmöbel noch
mehr ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Wohnungs-
not, an der wir leiden, schließt eine latente »Möbelnot«
in sich; eine geschickte Lösung des Problems des Einzel-
möbels würde die Wiederbehausung einer großen Zahl
von heimatlos gewordenen Menschen wesentlich fördern.
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