Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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RENE HOT, REQUISCANT IN FACE

AUSG. IM SALON ü'AUTOMNE, PARIS

SALON D'AUTOMNE

VON

JULIUS LLIAS

r ist der sechste seiner Art, und von seinen
Brüdern sicherlich der beste und wertvollste.
Freilich ist diesem „Salon" ein schlimmer
Feind erstanden: das war nicht Unterstaats-
sekretär der Schönen Künste Flerr Dujardin-
Beaumetz, nicht die Akademie, nicht der Rat der Alten
von den „Artistes frangais" oder der„Societe Nationale"
— der wundervolle Herbst war dieser Widersacher. Er
trieb mächtig die Menschen von den Künsten, den
redenden wie den bildenden, fort und Hess die Natur-
offenbarung wichtiger erscheinen als die Naturdar-
stellung. „Nous ne travaillons pas" — sagten traurig
die Diener im „Grand palais", — während die Ober-
kellner der Boisrestaurants, überrascht vom Geschäft
versichern konnten: „C'etait de la folie" — es war zum
Verrücktwerden grossartig. Wat dem eenen sin Uhl,
dat is dem annern sin Nachtegall. So wurde dieser
,Herbstsalon' in der That eine Ereignis, das sich so gut
wie unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit vollzog.
Den offiziellen Salons könnte ein solches Malheur nicht
begegnen, auch wenn der Frühling noch so zauberisch

lockte: denn sie sind überwiegend gesellschaftliche
Unternehmungen geworden, an denen selbst derkleinste
Snob teilzunehmen verpflichtet ist. Die Firnisstage sind
noch immer Stelldicheins der grossen Welt wie dieTheater-
premicren. Das artistische Wesen dieser Salons ist so
schlecht und so wenig demokratisiert, dass die anmutig
gekleideten Weiber, die da herumflanieren, nach wie
vor das wesentlichere Interesse beanspruchen dürfen,
und die neuen Moden in den alten Künsten keine Kon-
kurrenz zu fürchten brauchen.

Wohingegen es keiner pariser Modedame einfallen
würde, sich für den Eröffnungstag des „Herbstsalons"
in Unkosten zu stürzen. Die Welt, die hier erscheint,
will nicht sich, sondern Bilder sehen; und werden Herr-
schaften des„grand monde" wirklich hierher verschlagen,
so suchen sie ihr Amüsement auf besondere Weise.
Sie betrachten die Ausstellung als eine Art Lachkabinet
und verulken Künste, die sie nicht verstehen. Leute,
die sich in ihren Salons über ein lautes Wort entrüsten
würden, vergessen im „Salon" der künstlerischen Jugend
ihre Vornehmthuerei durchaus und enthüllen sich als

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