Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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AUS MEINEM LEBEN

VON

LUDWIG HERTERICH

ch bin ein unverbesser-
licher Romantiker und
daran ist meinlie-
\ bes, altes Ansbach
| schuld.

Dort bin ich
geboren, dort ver-
brachte ich meine
Jugendjahre und dorthin kehrte ich immer wieder
zurück, wenn ich von der Grossstadt und von der
Arbeit müde geworden war. Und immer wieder
umstrickte es mich mit dem Zauber seiner Romantik.

__ Das graue Ansbach! Die alte Markgrafenstadt,

so still und aristokratisch, so zopfig und unmodern,
so ein getreu erhaltenes, altmodisches Städtchen,
wie man sonst nur in Italien mitunter eins trifft.
Zwischen bewaldeten Hügeln und grünen
Thälern, der Mittelpunkt zahlreicher, herrlicher

Pappelalleen liegt die graue Stadt, wo das Schloss
und die alten Kirchen über die Giebeldächer hervor-
schauen. Versonnene Gärten zwischen hohen
Mauern, unterirdische Gänge und Grüfte, wo wir
das Gruseln lernten, waren der Schauplatz unserer
Kinderspiele. In der Ritterkapelle hantierte ich mit
den alten Helmen, in der Rittergruft grub ich an
den Särgen herum, auf den Dachböden des Schlosses
tummelte ich mich um die ausgestopften Rittergäule
der Markgrafen. Der Geist des markgräflichen
Hofstaats war überall zu spüren, und viele Greise
wussten Schauergeschichten aus der Markgrafenzeit
zu erzählen. Ich hätte es ganz natürlich gefunden,
wenn die altmodischen Gestalten aus den Häusern
getreten wären und ihr Wesen auf der Strasse ge-
trieben hätten.

Auch mein Vater war voller Sagen und Er-
zählungen aus dem entschwundenen Jahrhundert;

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