Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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DIE PI ETA RON DANINI

VON

W. WORRINGER

GOTTFR. SCHADOW. WEIBLICHER AKT

Kein Erlebnis trifft unsere moder-
ne Seele wuchtiger als dieses
eine: wo wir in einer ganzen und
abgeschlossenen Vorstellung aus-
ruhen, zuckt plötzlich eine neue
Perspektive auf, die in eines Augen-
blickes Schnelle alle Linien ver-
schiebt und das Objekt unserer Hin-
gabe in das bodenlose Reich des
Relativen rückt, wo der Blick vor
unübersehbaren Hintergründen zu-
rücktaumelt und, was wir fraglos
wähnten, von tausend Fragen um-
wittert wird.

Drei Schritt abseits vom lärmen-
den römischen Korso in der dämm-
rigen Thoreinfahrt des Palazzo Ron-
danini wartet unserer ein solches
Erlebnis. Hier steht verloren und
gemieden Michelangelos letztes Be-
kenntnis, eine unfertige und trost-
lose Pietä. Und die grossen Schauer,
die in des Pantheon rückhaltloser
Vollendung und in Sankt Peters
selbststolzer Pracht ausblieben, in
diesem vergessenen Winkel über-
fluten sie uns mit aller qualvollen
Lust. Seht, es sind Schmerzen, an
denen wir leiden...... Und nir-
gends eine tiefere Stille als hier, wo
sich der Lärm des überfüllten Korso
an einem grossen Erlebnis bricht.

Denn nun trifft uns die finstere
Problematik dieser Pieta wie eine
blitzschnelle Erkenntnis, vor der
Alles, wasRom uns an sicherer Kunst-
vorstellung gab, zu wanken beginnt.
Der Boden schwindet unter den
Füssen. Ungeheure Zusammenhänge
zucken auf und was wir dortdraussen
so gross und unantastbar wähnten,

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