Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

Page: 559
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1909/0573
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
BÜCHERBESPRECHUNGEN

John Ruskin und sein Werk. Essays von
Charlotte Broicher. I. Reihe 190;, II. und
III. Reihe 1907, Leipzig bei Eugen Diederichs.

Eine schöne und gründliche Arbeit, die mir jetzt
erst bekannt geworden ist, die aber auch jetzt noch,
zwei Jahre nach dem Erscheinen der letzten zwei
Bände, einige Worte des Hinweises fordert. Mir per-
sönlich ist dieser Hinweis um so mehr Bedürfnis, als ich
dem Genie Ruskins Manches verdanke, als es mich
stets bedrückt hat, über die Lebensumstände dieses
merkwürdigen Engländers nichts Wesentliches gewusst
zu haben und als ich dieses persönliche Interesse bei
vielen Andern noch voraussetze, weil Ruskin dem mo-
dernen Deutschen überhaupt, wenn auch auf Umwegen,
in vielen Dingen ein Erzieher zu neuem Kulturbewusst-
sein geworden ist.

Dies wird auch allgemein empfunden; selbst in den
Kreisen Derer, die, obwohl sie den Instinkt für die Be-
deutung von Ruskins Persönlichkeit haben, sich zu einer
höheren Objektivität nicht erheben können und sicli —
in peinlichem Widerstreit zwischen den unbedingten
sittlichen Forderungen des Kulturagitators und den
berechtigten Forderungen der Wirklichkeit ringsumher
schwankend — in eine nervöse Unlust gegen den Roman-
tiker und Theoretiker hineinreden. Das Einzige, was
dieser zur Ungerechtigkeit und Unterschätzung ver-
leitenden Unlust steuern kann, ist die genaue Kenntnis
der Eigenart Ruskins; die Kenntnis seines Lebens, seiner

Determination und Entwicklung, seiner Kraft und
Schwäche. Denn wenn man erst den Menschen sieht,
wie er ist, so vermag man in seiner Lehre das allgemein
Wichtige vom Zufälligen und Subjektivistischen nütz-
lich zu scheiden. Diese Bekanntschaft mit dem Künstler,
Kritiker, Puritaner, Sozialreformer und Propheten in
Ruskin hat Charlotte Broicher uns nun vermittelt.
Dass eine Frau Ruskins Biographie nun geschrieben
hat, ist sehr bezeichnend. Naturgemäss muss sich, mehr
als der selbst wollende und darum einseitige Mann, die
rezeptive Frauennatur zu der ganz auf Totalitäts-
empfindung, auf Allgefühl, auf Gefühl überhaupt ge-
stellten Eigenart Ruskins hingezogen fühlen. Um Ruskin
ganz gerecht zu werden bedarf es der femininen Fähig-
keit absoluter Nachempfindung. Wo der Mann Ruskin
oft heftig zu widersprechen nicht umhin könnte, da hat
Charlotte Broicher sich fein und innig einzufühlen ver-
standen Und hat doch nie die Herrschaft über sich selbst
und den Überblick über das Ganze des Lebens dieses
eigensinnigen Subjektivisten verloren. Der Verfasserin ist
es gelungen zu erfassen, was Voraussetzung für Jeden
ist, der über Ruskin schreiben will: die tiefere Einheit in
der Unlogik dieses genialen Mannes zu erkennen. Sie hat
über alle berechtigten Aber hinweg, ohne diese zu unter-
schätzen, die „Qualität seines Geistes" erkannt. Mit
jener schönen Bescheidenheit, die mehr gibt als sie
verspricht, mit Fleiss und grosser Gründlichkeit hat
sie die kleinen und grossen Umstände dieses innerlich

559
loading ...