Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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CHRONIK

HUGO VON TSCHUDI

VON

WOLDEMAR VON SEIDLITZ

Was bedeutet das Bleiben Tschudis?
Zunächst die Rechtfertigung eines Mannes, der
sich um die deutsche Kunst wohl verdient gemacht hat;

weiterhin die Anerkennung seiner Schöpfung, dieser
Nationalgalerie, um die uns das ganze Ausland beneidet;

und endlich — so muss doch wohl gefolgert werden —
die Bekundung der Absicht, auf der eingeschlagenen
Bahn weiterzuschreiten.

Nach dem Alpdruck, der geherrscht, wird dieser
Wandel als eine Befreiung empfunden, die Hoffnungen
erweckt für die Zukunft: Hoffnungen auf ein Erstarken
unsrer Kunst, auf eine Erweiterung ihrer Machtsphäre,
auf eine Hebung des allgemeinen Geschmacks.

Denn nicht um theoretische Erörterungen oder den
Kampf der Meinungen handelt es sich hierbei, sondern
um die Frage, ob die mannigfachen Bestrebungen, die
Deutschland bereits seit länger als einem Jahrzehnt auf
dem Gebiete der Kunst bekundet, endlich zu greifbaren

Erfolgen zusammengefasst werden sollen, die eine eigen-
artige künstlerische Kultur und damit den gebührenden
Einfluss zu Tage fördern, zu dem das Land im inter-
nationalen Wettbewerb berufen zu sein scheint.

Der Erfolg einer auf solche Ziele gerichteten Tätig-
keit wird aber immer wieder in Frage gestellt, wenn
das Streben nach einer strengen Sichtung des Materials
als einseitige Parteipolitik gekennzeichnet wird. „Rich-
tungen", die sich bekämpfen, giebt es wohl in der
praktischen Kunstübung; bei derMuseumsrhätigkeit aber
kommt es nur darauf an, die Schöpfungen, die Zu-
kunftskeime enthalten, rechtzeitig zu erkennen. Dass
sie häufiger auf der Seite des Vorwärtsstrebenden als
der Stehengebliebenen anzutreffen sein werden, liegt in
der Natur der Sache, und sollte nicht dazu benutzt
werden, Vorwürfe gegen den Museumsleiter zu erheben.
Etwas anderes wäre es, wenn dieser unüberlegt und vor-
eilig in den Streit der Meinungen eingegriffen und

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