Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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INGRES UND DELACROIX

VON

ANDRE BEAUNIER

"'ein erster Zeichenunterricht
stand im Wahrzeichen zweier

Götter, die nicht miteinan-
der übereinstimmten, sich
jedoch in die damalige Kunst
teilten. Zwei mächtige Göt-
\ ter: Ingres und Delacroix.
Ich darf nicht sagen: ich habe sie gekannt;
aber ich habe sie beide gesehen, diese grossen
Männer, und heute ist auch das schon etwas,
scheint mir.

Mein Vater war Unternehmer öffentlicher
Bauten. Und aus purer Herzensgüte war es sein
sehnlicher Wunsch, auch ich möchte seinen Beruf
ergreifen, weil er mich alsdann würde beraten und
leiten können. Doch ich war noch sehr jung, als
er diesen Wunsch schon aufgeben musste. Ich
zeichnete und wollte zeichnen; zu allem übrigen
taugte ich nicht. Nur ein guter oder schlechter
Künstler wollte ich werden, nichts anderes. Liebe-
voll fand mein Vater sich damit ab und war mir
alsbald behilflich in Verfolgung meines Zieles.

In unserer Nähe wohnte einer seiner Freunde,
der Maler Romain Caze. Mein Vater hatte Ver-
trauen zu ihm, weil Romain Caze Talent hatte,
ein braver Mann und ein Schüler Ingres1 war.
Ein guter Familienvater, der seinem Sohn ge-
stattete die Künstlerlaufbahn einzuschlagen, konnte
unbesorgt sein, wenn dieser die Wege Ingres'
wandeln wollte; denn Ingres war der abgesagte
Feind der Umstürzler und den Neuerern gegenüber
der letzte Hort der Überlieferung. Nur war der

grosse Mann bereits sehr alt; er nahm keine Schüler
mehr an. Es blieb also nichts anderes übrig als
der Schüler eines seiner bevorzugten Schüler zu
werden, und es wurde beschlossen, dass Romain
Caze mein Lehrer werden solle. In der That er-
lernte ich bei ihm die Anfangsgründe; er war
sehr gütig gegen mich, und ich habe viel von ihm
gelernt.

Heute ist Romain Caze fast vergessen. Damals
war er sehr bekannt. Er malte vorzugsweise
Kirchenbilder, die zwar ein wenig kalt und akade-
misch, doch ihrer vortrefflichen Anordnung wegen
nicht ohne Verdienst waren. Das Beste indes, was
er geschaffen hat, sind Porträts in Bleistiftzeich-
nung; obwohl weniger schön als die seines Meisters,
sind sie doch in sehr reinem Stil und ungemein
fein ausgeführt. Diese Bilder von Romain Caze
haben heute den grossen Reiz des Altertümlichen;
nicht allein die damalige Tracht, auch die Haltung,
die Art zu sein, der Ausdruck selbst verleiht jenen
Porträts ihren Wert.

Romain Caze nun redete mir mit so pietät-
voller Verehrung von Ingres und deckte die An-
weisungen, die er mir gab, in solcher Ergebenheit
mit dem Schilde jenes Namens, dass Ingres für
mich, in meinem jugendlichen Verstand, so etwas
wurde wie der liebe Gott der Maler. Mir däuchte,
er habe die Regeln der Kunst ein für allemal fest-
gelegt, seine Autorität sei ein unanfechtbares
Evangelium, und Romain Caze eine Art Apostel
dieser Wundermacht; nur ein Apostel!

Das war das erste Gefühl, das der Urheber der

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