Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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VOLKSKUNST

VON

HENRY VAN DE VELDE

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^js ist wohl nicht nötig, viel
Worte zu verlieren über das
Verdienst all Derer, die an
dem Zustandekommen dieser
äusserst interessanten Ausstel-
lungmitgearbeitet haben,eben-
sowenig über die günstigen
Folgen jener Zähigkeit, die in
den elementarsten Schichten der verschiedenen
Völker wie durch ein Wunder Das bewahrt hat, was
der Sinn für Ornamentik und Farbe bei Jedem von
ihnen an besonders Kraftvollem und Feinsinnigem,
an Ausdrucksvollem und Feierlichen geschaffen hat.
In beiden Fällen ist es angebracht, dass wir unserer
Dankbarkeit Ausdruck geben.

Was uns die retrospektive Abteilung dieser Aus-
stellung bietet, ist zu bekannt, als dass irgendeine
Betrachtung an dieser Stelle gemacht werden könnte,
mit der sich nicht schon vorher die Gedanken be-
schäftigt hätten und die nicht schon von all Denen
empfunden worden wären, die provinziale, kommu-
nale Museen, Museen für Volkskunst besucht haben,
an deren Entstehen in fast allen Ländern der Welt
gearbeitet wird. Was uns diese retrospektive Ab-
teilung bietet, kann uns nicht wirksam genug
von dem Interesse an der moderen Abteilung ab-
lenken, die unser Interesse umsomehr in Anspruch
nimmt, als sie ein Ensemble bietet, das mehrere
schöne Sachen enthält und ausserdem das Problem
des Fortbestehens und der Zukunft der Volkskunst
klarlegt.

Können wir in wenig Worten, denn ich möchte
mich kurz fassen, eine Übersicht der Situation
geben?

Die Volkskunst verschwindet in allen Ländern
mehr und mehr. Weil ich das mit kühler Bestimmt-

* Aus Anlass der Internationalen Völkskunstausstellung
des Lyceum-Klubs in Berlin.

heit konstatiere, so heisst das doch noch nicht, dass
ich es erbarmungslos und ohne Bedauern thue; aber
ich habe gelernt andere, ebenso schwerwiegende
Probleme ohne Sentimentalität zu erwägen. Der
Glanz und der Umfang dieser Ausstellung kann
Niemanden täuschen und es genügt, einen Blick auf
die Liste der Protektoren, der Komiteemitglieder
und der korrespondierenden Mitglieder zu werfen,
um zu bemessen, welcher Kraftaufwand nötig war,
um dieses Resultat zu erreichen. Es bedürfte bei-
nahe ebenso vieler Namen wie ausgestellte Gegen-
stände.

Die Ursachen des Verfalls und des verzweifelten
Todeskampfes der Volkskunst sind überall die
gleichen. Die Industrie hat wie eine Landplage ge-
wütet. Eine Landplage, die unter dem Druck einer
Produktion ohne Moral die naivsten, ergreifendsten
und heiligsten Produkte wegfegte, die seit Jahr-
hunderten in der ganzen Welt aus Menschenhand
hervorgegangen waren.

Die Katastrophe ist bei einigen Völkern so voll-
kommen, dass die Volkskunst ganz und gar ver-
schwunden ist; bei anderen liegt sie kläglich in den
letzten Zügen und selbst unter den primitivsten Völ-
kern gibt es nicht eins, das nicht den Untergang
eines oder mehrerer Volkskunsthandwerke mit an-
gesehen hätte, deren Produktion durch eine indu-
strielle und mechanische Fabrikation ergänzt wor-
den ist.

In Wahrheit sind dort, wo die Wohlthätigkeit
die Volkskunst nicht unterstützte, nur wenig Reste,
nur wenig Spuren von ihr übrig geblieben. Und
doch wäre es eine Illusion, wollte man glauben,
dass die Vereine, wie sie sich in den meisten euro-
päischen Ländern gründeten, zugunsten der Volks-
kunst entstanden seien. Ich komme der Wahrheit
näher, wenn ich behaupte, dass sie sich zunächst
für das materielle Los der Handwerker interessierten





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