Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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J. GOTTFR. SCHADOW, PORTRÄT SEINER SCHWESTER LOTTE

BEMERKUNGEN ZU SCHADOWS ZEICHNUNGEN

VON

KARL SCHEFFLER



us seinen Zeichnungen
erst blickt Schadow mit
unmittelbarer Lebendig-
keit. Der Bildhauer tritt
mehr hinter seine Werke
zurück, weil die Plastik
eine viel strengere Ob-
jektivierung des Gefühls
fordert und das Momen-
tane ausschaltet. Zeich-
nungen aber sind so recht
das Material, um den Menschen psychologisch zu
ergründen, denn sie geben die Empfindung des
Augenblicks, die Leidenschaft des ersten Eindrucks.
Wären in der unvergesslichen Schadowausstellung

dieses Winters nur die Skulpturen gezeigt worden,
so hätten wir vor ihrer klassizistisch besonnenen Ruhe
kaum die geistige Beweglichkeit und umfassende
Sensitivität des Berliner Meisters geahnt. Die Zeich-
nungen erst lassen uns Schadow ganz modern, als
einen der Unseren erscheinen. Wir lesen darin
die ganze Kompliziertheit dieser Natur, ihre Ur-
sprünglichkeit und Künstlichkeit, das Traditions-
bewusstsein und die Pionierlust, die Genialität und
Unzulänglichkeit. Was am stärksten daraus spricht,
ist die ungeheure, nie erlahmende Lebensenergie.
Die ist immer da, ob nun sanfte Schönheitslust den
Zeichenstift regiert, akademisch geschulter Intellek-
tualismus oder der Drang zum grotesk Charakte-
ristischen. Kein Blatt, aus dem nicht diese ewig junge

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