Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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FRANZ KRÜGERS PORTRÄT
OTTOS VON BISMARCK

VON

MAX LIEBERMANN

„ Was in der Zehen Bild ers aal
Jemals ist trefflich gewesen
Das wird immer einer einmal
Wieder auffrischen und lesen".

ls ich vor länger als vierzig Jah-
ren in Steffecks Atelier eintrat,
um Maler zu werden, war ich
ganz von Menzels Kunst er-
füllt, aber Steffeck pflegte mich,
wenn ich allzusehr schwärmte,
mit den Worten abzufertigen:
„Ach was! Menzel, der macht Karikaturen, Franz
Krüger kann zeichnen." Und besser, als er es viel-
leicht selbst dachte, hat er damit Krüger und Menzel
charakterisiert, besonders wenn man unter Karikatur
Das versteht, was Ingres mit den Worten meinte:
„In jedem guten Porträt muss etwas von Karikatur
stecken".

Selbstverständlich dachte Ingres nicht an die
Karikaturen der Witzblätter . . Karikatur bedeutet
die Übertreibung des Charakteristischen, das Zu-
sammenfassen und Unterstreichen des Wesentlichen,
und in diesem Sinne karikierte Menzel, wie jeder
geniale Künstler. Gerade diese Übertreibung fehlt
der Zeichnung Krügers, seine Ausdrucksfähigkeit

geht nur bis an die Grenze der Korrektheit, in der
er allerdings von keinem Deutschen übertroffen
wird.

Aber ich will nicht das Werk Krügers kritisch
würdigen (zumal das in diesen Blättern bereits an
anderer Stelle geschehen ist), sondern ich will nur
die Reproduktion nach der wundervollen Zeichnung
des jungen Otto von Bismarck, die — wenn auch
verspätet — die Winterausstellung in der Berliner
Sezession als schönstes Kleinod schmückt —, mit
ein paar Worten begleiten.

Beim Anschauen des Krügerschen jungen
Bismarck drängt sich mir eine Bemerkung auf, die
so selten zutrifft, und die doch so selbstverständlich
erscheint, dass man meinen sollte, sie müsse immer
zutreffen: dass der beste Meister die Besten seiner
Zeit porträtiert hat.

Als neulich Keller und Reiner eine Porträtaus-
stellung Berliner Persönlichkeiten veranstaltet hatten,
war alles, was durch Geist oder Geburt, Reichtum
oder Stellung in Berlin geglänzt hat oder noch glänzt,
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