Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 7.1909

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CHRONIK

Wir haben etwa vor einem Jahre, als der Plan einer
deutschen Ausstellung in Paris erörtert und vorbereitet
wurde, unsere Bedenken ausgesprochen, weil die Leitung
des sehr verantwortungsvollen Unternehmens uns nicht
in den richtigen Händen zu sein schien. Unsere Be-
fürchtungen haben sich als berechtigt erwiesen, die
Ausstellung ist gescheitert. Nun giebt man allgemein
dem Kaiser die Schuld; aber nicht ganz mit Recht.
Man musste sich von vornherein sagen, dass der Kaiser
aus den preussischen Galerien keine Bilder herleihen
würde, wenn die Leitung des Unternehmens in den Hän-
den fortschrittlicher Künstler lag. Man hätte von An-
fang an damit rechnen müssen, eine Eliteausstellung aus
Privatbesitz und aus dem Besitz der Künstler zusammen
zu bringen. Auf diesem Wege hätte bei strengster Sich-
tung eine sehr schöne Sammlung deutscher Kunst zu-
sammen kommen können. Der Deutsche Künstlerbund
hätte hier einsetzen müssen; einKenner und Organisator
wie Hugo von Tschudi hätte an die Spitze treten sollen.
Statt dessen haben die Maler in einem bei uns leider
nicht seltenen Schwächegefühl mit den Behörden hin
und her paktiert. Das ist sehr bedauerlich für die gute

deutsche Kunst, die in den letzten drei Jahrzehnten in
Frankreich ganz unbekannt geblieben ist.

*

Wie eine Ausstellung deutscher Kunst in Paris hätte
organisiert werden müssen, davon gab uns in Berlin die
Ausstellung belgischer Kunst, die während des Oktober in
den Räumen der Sezession zu sehen war, ungefähr eine
Vorstellung. Nicht als ob diese Veranstaltung ein starkes
Erlebnis gewesen wäre; aber die von ihrer Regierung
unterstützten Vorstände der „Art Contemporain" und
der „Societe Royale des Beaux-Arts" haben sich nicht
dem Zufall überlassen, sondern vom Besten, was die
belgische Kunst seit mehr als einem halben Jahrhundert
produziert hat, Proben zusammengebracht.

Nur die moderne Kunst ist unvollkommen vertreten.
DieNeo-Impressionisten dürfen sich mit Recht beklagen,
von van de Velde hätte irgend Etwas wenigstens ge-
zeigt werden müssen, und von Lemmen Besseres als
drei wenig charakteristische Bilder; man vermisst einen
Hinweis auf Finch, und mutmasst Tendenz, weil



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